Wenn man beginnt, einen Blog zu schreiben und fremden Menschen einen Einblick in das private Leben erlaubt, macht man sich Gedanken. Man sollte es zumindest tun. Ich tue es.

Ich hatte schon einmal einen Blog. Da waren mir die Gründe, warum ich blogge, ganz klar: Ich wollte darüber aufklären, wie eine Familie mit einem Papa im Rollstuhl lebt. Damit das Selbstverständnis dafür wächst. Damit wir nicht mehr so ausgeschlossen werden vom Rest der Gesellschaft. Irgendwann. In ferner Zukunft. Damit man unsere Lebenswelt besser versteht.
Jetzt ist alles anders. Jetzt ist der Papa im Rollstuhl nicht mehr da. Ein Jahr ist es her, dass er entschieden hat zu gehen. Böse gesagt. Denn gehen konnte er immer noch nicht. Er ist davongefahren und nie wiedergekommen. Er hat Suizid begangen.

Was in diesem Jahr passiert ist, ist mehr, als ein Mensch alleine bewältigen kann. Ich habe fast zehn Jahre in einer psychologischen Beratungsstelle gearbeitet. Das hat mir in diesem Jahr oft den Arsch gerettet. Auch wenn man sich nicht selbst coachen kann – bis zu einem gewissen Grad konnte ich auf meine eigenen Kniffe zurückgreifen. So auch jetzt:
Schreiben ist Therapie. Schreiben hilft, das Geschehene nochmal vor sich zu sehen. In Buchstaben. Auf dem Bildschirm. Auf Papier. Das Schreiben hilft, das Erlebte zu verarbeiten und eine Distanz dazu zu entwickeln. Und genau das mache ich jetzt.
Warum aber um alles in der Welt und im Himmel mache ich das nicht nur einfach für mich? Warum mache ich das öffentlich?

Das frage ich mich immer noch. Denn es gibt genug Menschen da draußen, die einen Blog nutzen, weil sie gesehen werden wollen. Weil sie möchten, dass ihre Stimme gehört wird. Dass sie vielleicht eine öffentliche Person werden. Insgeheim vielleicht, weil sie geliebt werden möchten. Da ist auch nix Schlimmes dran. Wer möchte nicht geliebt werden? Wir alle möchten das.
Ich möchte aber lieber meine Ruhe. Ich möchte endlich leben. Neu beginnen. Ohne dass Leute, die mich nicht wirklich kennen, beobachten, was ich tue. Aber. Das große Aber:
Seitdem ich angefangen habe, Artikel darüber zu schreiben, wie man den Suizid des Ehemanns überlebt, bekomme ich Post. Von Menschen, die mich und meine Tochter Lütte Locke unterstützen möchten. Aber auch von anderen Betroffenen. Die keine Stimme haben. Die noch weniger Ressourcen haben als ich sie hatte in diesem wilden, verrückten, Soap-mäßigen Trauerjahr. Weil es eben mehr ist, als ein Mensch alleine bewältigen kann.
Deshalb.
Deshalb mache ich meine Rückschau über das, was ich nach dem Suizid erlebt habe, öffentlich.

Mir fällt das nicht leicht. Denn es macht mich und Lütte Locke verletzlich. Man wird uns kennen, ohne dass wir euch kennen. Bitte bedenkt das, wenn ihr uns kritisiert, und haltet kurz inne, bevor ihr mit Worten auf uns schießt. Wir sind Verwundete, die bereits am Boden liegen. Aber noch etwas austeilen können.
Denn nicht alles, was ich schreiben werde, wird schön sein. Vieles wird euch nicht gefallen. Denn ich habe entschieden, schonungslos ehrlich zu sein.

Markus, mein Ex-Mann – so nenne ich ihn, weil er entschieden hat, uns zu verlassen – hat das immer so genannt: Selektive Authentizität. Nicht jeder kann mit der Wahrheit gut umgehen. Um uns zu schützen, haben wir je nach Person nicht immer alles von uns Preis gegeben. Das ist weise. Aber auch ein wenig verlogen.
Und ich möchte keine Halbwahrheiten mehr. Nach Markus´ Tod habe ich so viele negativen – aber auch positiven Überraschungen erlebt, dass ich nicht mehr mit Lügen leben möchte. Das bedeutet auch, dass ich die Wahrheit über Markus schreiben werde. Und das wird nicht immer schön. War es für mich auch nicht. Doch letztendlich glaube ich daran, was Jesus Christus mal gesagt hat: „Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Damit kommt auch die Frage auf: Darf man negativ über einen toten Menschen schreiben? Denn er kann sich ja nicht mehr dazu äußern.
Das ist eine wichtige ethische Frage. Soweit ich Markus kannte, hätte er nichts dagegen, dass ich mich öffentlich mit ihm auseinandersetze. Denn es war seine Entscheidung zu sterben und jetzt nicht mehr antworten zu können. Über ihn herzuziehen wäre das Letzte, was ich mit diesem Blog erreichen möchte. Ich möchte aber auch keinen Märtyrer aus ihm machen oder ihn glorifizieren.
Markus war ein Mensch mit Stärken und Fehlern. Wie wir alle. Er war ein Mensch, den ich geliebt habe. Ein Mensch, für den ich nach diesem Jahr eine Mischung vieler Emotionen empfinde. Warum das so ist und wie sich das anfühlt, wie er war und welches Fazit ich aus allem ziehe – darum soll es hier gehen.

Nicht alle Suizid-Hinterbliebenen werden sich hierin wiederfinden. Auch das ist ganz normal. Trauer ist immer höchst individuell und jeder braucht etwas anderes, was ihm dabei hilft, diese dunklen Stunden zu durchleben. Ich hoffe trotzdem, dass auch andere sich hier verstanden fühlen und dass Freunde und Verwandte von Suizid-Hinterbliebenen dadurch etwas mehr verstehen, was wir Überlebenden brauchen.

Ich brauche hierzu eine ziemliche Portion Mut, kann ich euch sagen. Mir geht die Muffe, ab sofort Tacheles zu reden. Aber es fühlt sich auch gut an. Frei eben.
Deshalb habe ich auch dieses Bild gewählt: Green-Woman. Diesen hoffnungsvollen weiblichen Menschen mit Tränen im Dekolletee, mit grüner Patina, der Natur auf dem gepanzerten Oberkörper.

Gläsern? Ja. Aber auch gepanzert. Damit ich mein Herz schützen kann, um weiterhin stark für meine Tochter zu sein, werde ich auf eure Kommentare oder Diskussionen nicht eingehen. Nehmt es mir bitte nicht übel – nur so kann ich über dieses Thema bloggen. Das heißt nicht, dass ihr nicht reagieren sollt. Ich freue mich über eure Kommentare, nehme mir aber auch die Freiheit, liebloses Gehetze sofort zu löschen. Denn bei all dem geht es mir immer um meine Grundwerte: Liebe, Freiheit, Hoffnung. Wenn ich eine dieser drei Werte in Gefahr sehe, werde ich handeln. Green-woman-like.