Ich habe gekniffen. Letztes Wochenende wollte ich eigentlich in die Eifel fahren. Dort wollte ich an einem Wanderwochenende für Suizidhinterbliebene teilnehmen. Stattdessen fand ich mich betend in einer Messe im Kölner Dom wieder.

 

Nun bin ich überhaupt kein Fan von Heiligenverehrungen. Ich respektiere es, wenn andere Menschen das für ihr Glaubensleben brauchen. Jeder Mensch ist höchst komplex und hat seinen eigenen Weg, um Gott zu finden oder mit ihm zu leben. Ich mit meinen Ruhrpottwurzeln mag Tacheles und den direkten Draht zum Schöpfer. Ohne Umwege über gestorbene oder lebende verehrte Christen, über Gottesdienste, Musik, die Schöpfung und sogar die Bibel. Das können Wege sein, um Gott zu erkennen, aber am liebsten schnacke ich doch mit ihm persönlich.

Trotzdem sitze ich da also letzten Freitag in einer riesigen, von Touristen belagerten, katholischen Kathedrale und weiß nicht wohin mit meinem Schnodder, der mir aus Augen und Nase läuft. Freiwillig habe ich mich an den katholischen Bodyguards vorbeigewagt und an einem Mittagsgebet teilgenommen. Ein Chor aus Irland war zu Besuch und sang Anbetungslieder, wie ich sie aus meiner Ur-Gemeinde kannte – so nannte Markus das immer, wenn er von der evangelischen Kirchengemeinde sprach, in der wir als Teenager großgeworden sind und uns kennengelernt haben.

Überhaupt war da alles ur. Urlauber. Uralt. Urig wegen der vielen Schreine und Kunstwerke. Nie hätte ich gedacht, dass ich ausgerechnet hier zu meinen Wurzeln zurückfinde. Seitdem Markus tot ist, sind so viele Merkwürdigkeiten passiert, dass mich das nicht weiter wundern dürfte, aber es bleibt nicht einfach, all das zu verarbeiten. So auch dies.

 

Als ich mich für dieses Wochenende für Suizidhinterbliebene angemeldet hatte, wollte ich mir etwas Gutes tun. Im geschützten Rahmen mit anderen im Austausch sein, denen es ähnlich ergangen ist. Weil man die Wunden des anderen oft sprachlos versteht. In den letzten Wochen ist mir aber immer mehr bewusst geworden, dass meine Wunden anders sind. Das sind sie ja immer. Weil jeder Mensch anders ist. Aber meine Traumata sind komplexer. Gemeiner.

Zurzeit bin ich in einer Umbruchphase. Ich brauche alle Kraft dafür, um Lütte Locke und auch mir unser Zuhause zu erhalten. Und habe eigentlich an Energie nur Tiefenentladung übrig. Ich möchte nach vorne sehen, setze mir Ziele. Und natürlich auch Rückschau halten. Aber dann, wenn die anderen Bereiche meines Lebens geordnet sind. Sie brechen ohnehin ab und zu wie ein Tsunami über mich herein. Sodass ich einfach nur versuche, unter der Welle nicht zu ertrinken, bis sie mich irgendwo an Land spült.

Bei der Vorstellung, mit anderen über ihre Erfahrungen zu sprechen, hat mich mitten im Zug nach Köln solch eine Welle überfahren. Weil momentan so viel ist. Zu viel ist. Gott sei Dank weiß ich aus meinem Job – ich habe neun Jahre zusammen mit Markus in einer psychologischen Beratungsstelle gearbeitet – was mit mir passiert, wenn eine Panikattacke anrollt. Bisher war das aber immer zuhause oder in der Nähe und ich konnte ausharren, bis es vorbei war, und mich danach ausruhen. Doch nicht hier, zwischen zwei Rentner-Urlaubsclubs, die Schlager schmetterten und Witze rissen. Ich musste hier raus!

In Köln hätte ich ohnehin aussteigen müssen, also bin ich einfach dort geblieben. Und habe versucht mich neu zu sortieren. Das ist die Daueraufgabe, wenn dein Ehemann dich verlässt, um zu sterben, dich mit einem dreijährigen Kind und einem Berg Schulden zurücklässt und du erst nach seinem Tod entdeckst, dass er dir noch andere Details aus seinem Leben verschwiegen hat, obwohl du jahrelang eng mit ihm zusammengelebt und gearbeitet hast. Da beginnt man an seiner eigenen Wahrnehmung zu zweifeln und sortiert alles nochmal neu. Alles.

Auch Gott höchstpersönlich. Obwohl er mir in diesem Jahr die meiste Kraft gegeben hat und meine kritische Prüfung als einziger Baustein beinahe unbeschadet überstanden hat. Dank eines Atheisten, der mir immer wieder Mut macht, Gottesdienste und Kirchen zu besuchen und zu beten. Aber dazu ein anderes Mal mehr.

Ich wusste letztes Wochenende wirklich nicht mehr, wer ich bin und wo ich hinwill. Auf mein Leben bezogen. In diesem Moment habe ich mich so alleine gefühlt, wie seit Jahren nicht mehr. Vielleicht sogar wie noch nie.

Ich war in Köln gestrandet. Einer Stadt, die ich wegen der Mentalität ihrer Bewohner sehr schätze. Ein Kollege von Markus hat da gewohnt und ich kannte mich aus. Ich wollte aber gar nicht bummeln. Ich wollte in Ruhe zusammenbrechen. Ich sein. Mich ausruhen. Und das tat ich dann auch. Im Dom.

 

Während der kurzen Messe wies uns der Priester mit leiser Stimme darauf hin, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann. Dass wir durch Jesus immer mit ihm verbunden sind. Dass wir nicht alleine sind. Dass wir geliebt sind.

Genau das ist der Grundschatz meines Glaubens. Wenn das Leben ein Scherbenhaufen ist, bleibt nur noch das Fundament und alles fromme Getue und moralische Diskussionen liegen mit auf dem Schutthaufen. Aber diese eine Essenz bleibt.

Dank des Priesters und des Chors aus Irland wurde ich nach dieser Panikattacke wieder zusammengesetzt. Ich wurde wieder ganz. Vieles ist noch brüchig, aber ich werde nach und nach aus diesem Scherbenhaufen eine antike, wertvolle Vase basteln. Mit Gottes Hilfe.

 

Mit seiner Hilfe bin ich nach einigen Stunden aus Köln als eine andere zurückgefahren. Und habe es nicht bereut, nicht zu dem Treffen gefahren zu sein. Was ich sicherlich noch an einer anderen Stelle meines Lebens nachholen werde. Aber nicht heute. Nicht jetzt. Alles hat seine Zeit. Auch das Sterben. Und das Weiterleben.

Das Mittagsgebet im Kölner Dom hatte an diesem Tag die heiligen drei Könige zum Inhalt. Sie erinnern mich immer an die drei Männer, die damals am Tag der Picknickdecke in meinem Esszimmer standen. Sie brachten mir auf dem ersten Blick vielleicht keine kostbaren Geschenke, auf den zweiten aber doch. Alle zusammen sorgten sie zumindest dafür, dass an diesem Tag meine Zeit wieder zu laufen begann. Dass die Uhren wieder tickten, nachdem ich einen Tag lang nicht wusste, wo Markus geblieben war. Jetzt wusste ich immerhin das. Ich konnte nach vorne schauen, ich konnte endlich etwas tun, war nicht mehr Opfer der Situation, sondern Navigator.

In diesem Sinne fragte ich damals einen von den drei Männern, den Pastor, was er mir jetzt empfehlen würde. Wo ich Hilfe für meine Tochter und mich bekommen könne. Dazu muss man wissen, dass ich mit diesem Mann meine persönliche Geschichte hatte. Seit Jahren war er im Amt, seit Jahren hatten wir ihn auf unsere Beratungsstelle aufmerksam gemacht, die von einem christlichen Träger geführt wurde, und nie hat er geantwortet. Alle anderen Pastoren aus dem Umkreis hatten reagiert, manche haben uns persönlich besucht. Er hat noch nicht mal zurückgerufen. Und jetzt stand ausgerechnet er in meinem Haus und sollte mir Beistand bieten.

 

Na dann mal her damit, habe ich gedacht, und ihm noch eine Chance gegeben, uns in dieser besonderen Lebenssituation zu begleiten. Seine Antwort: „Da kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen, in diesem Gebiet sind wir Pastoren nicht ausgebildet.“ Da habe ich ihn ausgelacht. Wie eine Figur von den Simpsons, die mit weit ausgestrecktem Arm mit dem Finger auf jemanden zeigt und laut „Ha! Ha!“ ruft.

Diese Ironie war unschlagbar. Da arbeiteten wir seit Jahren mit Menschen, die in Lebens- und Glaubenskrisen geraten, auch mit Pastoren – die meisten gehören zu den Guten – und dann komme ich selbst in solch eine Situation und dann weiß er nicht, was er tun soll? „Was machen Sie dann überhaupt hier?“ habe ich ihn gefragt. Keine Antwort.

Nach einiger Zeit bot er an, dass er mich zur Beratungsstelle in der nächsten größeren Stadt fahren könnte. „Dahin können mich auch meine Freunde begleiten. Mit Ihnen werde ich dort sicherlich nicht hinfahren. Oder ich fahre selbst,“ entgegnete ich gelassen. „Sie wissen ja gar nicht, was jetzt mit Ihnen passiert“, meinte er mit überheblichem Unterton, fast drohend. Er hatte sowas von Unrecht. Ich sah glasklar.

 

Ich wusste genau, was mit mir passierte. Weil ich so lange in einer Beratungsstelle gearbeitet hatte. Ich sah, dass er nur sein Programm abspulte. Dass er sich in seiner Ehre als Pastor gekränkt fühlte. Dass die Polizisten verunsichert waren. Dass sich alle Sorgen um mich machten. Dass sie Angst hatten, ich würde mir auch etwas antun. Also tat ich mir etwas an: Ich übernahm die Verantwortung für diesen ganzen Haufen, bedankte mich, schickte sie nach Hause und begann, mein Leben zu sortieren.

Soweit es zu diesem Zeitpunkt möglich war. Denn ich wusste, ich hatte in den Funktionsmodus geschaltet und dass er nicht lange anhalten würde. Ich wusste, ich musste dieses kleine Zeitfenster nutzen, bis die Gefühlswellen kommen, bis die Tsunamis alles wegschwemmen, was bis dahin noch nicht vom Erdbeben zerstört worden ist. Das war eines der Geschenke, das mir meine drei heiligen Könige brachten: Dass ich wusste, was mit mir passiert.

Das zweite Geschenk waren meine Gefühle. Meine Freundin Svea murmelte nur: „Also wenn du noch genug Energie übrig hast, um auf den Pastor sauer zu sein, schaffst du den Rest auch noch.“ Natürlich war der Pastor nur eine Projektionsfläche für meine Wut über diese Situation. Auch das wusste ich. Aber ich freute mich, dass ich etwas empfinden konnte. Denn dadurch konnte ich Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen. Dieses Geschenk sollte ich in den nächsten Wochen noch bitter nötig haben. Es ist kostbarer als Gold. Vor allem, wenn man kein Geld mehr hat. Doch auch dazu beim nächsten Mal mehr.

Das dritte Geschenk war mein Glaube. Ich spürte instinktiv, dass vieles, wenn nicht fast alles anders war, als die Zeit dort mit den drei heiligen Königen wieder zu laufen begann, aber dass dieses eine blieb: Meine Werte wegen meines Glaubens an Gott. Die Liebe. Die einhergeht mit Vergebung und Gnade. Ich war wütend auf Markus, dass er uns verlassen hatte, aber ich hatte auch Verständnis für ihn und ich liebte ihn weiter. Die Hoffnung. Dass Gott mit uns geht, egal, was jetzt passiert. Die Freiheit. Durch Jesus sind wir frei von Schuld und vom Tod. Markus war jetzt bei Gott und konnte wieder Motorradfahren. Und ich würde mich nicht mehr behindert lassen. Ich will im Gegensatz zu Markus frei leben. Nicht nur überleben.

 

An diese drei Geschenke habe ich mich erinnert, letzte Woche im Kölner Dom. Sie werden mich mein Leben lang begleiten. Sie sind für mich unendlich wertvoll. Und an noch etwas hat mich dieses Erlebnis im Dom erinnert: Dass alles seine Zeit hat. Nicht meine Pläne sind immer gut für mich. Manchmal brauchen wir Zeitunterbrecher, die uns dazu bringen, wieder mehr wir selbst zu sein.

Gott hat das perfekte Timing. Und er hat Humor. Als ich noch nicht lange Christ und (zu Unrecht) stolz auf meinen Glauben war – vielleicht ähnlich wie der Pastor in meinem Esszimmer auf seine Rolle als Hirte – war ich nicht besonders nett. Ich war ziemlich arrogant und habe mir einiges auf meinen Glauben eingebildet. Wie viele Religiöse meinte ich, dass nur mein Glaube der einzig Wahre sei und aus dieser Brille habe ich damals den Kölner Dom betrachtet, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich verurteilte die Mengen an Geld, die für die Architektur und die Kunstwerke ausgegeben worden waren. Ich verurteilte die Massen an Touristen, die diese Gebetsstätte als Sehenswürdigkeit ihrer Sightseeing-Tour abhakten. Ich verurteilte die Katholiken für ihre Heiligenverehrung.

Auch heute sehe ich das noch kritisch, aber nur ich persönlich, weil ich weiß, wie sehr Gott jeden einzelnen Menschen liebt, den er geschaffen hat. Dass er die Vielfalt und das Bunte liebt. Das sind die Werte, die ich Gott sei wirklich Dank, im Laufe der Zeit wegen seiner Liebe kennengelernt habe. Und die mir immer noch so wichtig sind. Besonders jetzt in meinem kleinen Lebensschutthaufen. Aber auch in unserer Gesellschaft. Auf unserem Planeten. Wo es zurzeit oft nur um Abgrenzung, Ausgrenzung und Verurteilung geht. Da bin ich Gott dankbar, dass er mich in solchen schwarzen Stunden daran erinnert, was wirklich wichtig ist: Nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Gar nichts.