Ablage. Eigentlich ein sachliches Wort. Für viele ist es negativ besetzt, weil fast alle Menschen irgendwann Probleme damit bekommen. Einmal im Jahr bei der Steuererklärung. Oder bei Umzügen. Oder grundsätzlich alle paar Monate, weil sich da wieder dieser riesige Stapel angehäuft hat, den man sortieren, bearbeiten und abheften muss. Ein Stapel, der im Notfall über Leben und Tod entscheidet. Zumindest bei mir.

Ablage ist für mich ein seelischer und körperlicher Kraftakt geworden. Das klingt seltsam, oder? Ist es auch. Mit körperlich meine ich auch nicht unbedingt das Gewicht der Akten, die ich nach Markus´ Tod sortieren musste – obwohl da schon ein paar 25-Kilo-Hantel-Scheiben fürs Fitnessstudio zusammenkämen. Ich meine die damit verbundene körperliche Anspannung.
In meinem letzten Blog habe ich beschrieben, dass mir nach Markus´ Tod der Appetit verging. Ich verlor aber auch zusätzlich an Gewicht, weil mein Körper unter Daueranspannung stand. Das hatte zwar den netten Nebeneffekt, dass ich schlanker und durchtrainierter aussah, aber erst heute weiß ich, wie heftig das war. Denn erst heute kann ich es spüren.

Vor ein paar Wochen habe ich mich endlich in meine persönliche Hölle gewagt und meine Ablage der letzten eineinhalb Jahre gemacht. Dazu habe ich fast drei Tage gebraucht. Mit vielen Pausen. Denn ich musste Dokumente in die Hand nehmen, die ich seit der akuten Zeit nach Markus´ Tod nicht mehr angeschaut habe. Das ist wie ein Sprung in ein tiefes schwarzes Loch, von dem man nicht weiß, was einen unten erwartet. Mit nicht wenigen Unterlagen sind starke Emotionen verbunden. Emotionen, die ich entweder damals nicht wahrnehmen konnte, oder Emotionen, die einfach immer noch scheiße weh tun. Der Obduktionsbericht zum Beispiel. Oder die vielen Mahnungen.
Fast in allen Ordnern habe ich Sterbeurkunden gefunden, denn fast überall musste ich sie vorlegen. Vor einigen Wochen noch bei der Schulanmeldung meiner Tochter. Damit ich beweisen kann, dass der Vater, der in der Geburtsurkunde steht, nicht mehr lebt. Im Grunde müsste ich immer eine Kopie bei mir im Portemonnaie tragen, direkt neben dem Personalausweis. Damit ich jederzeit, bei jeder Behörde angeben kann, was ich bin: eine Witwe.
Heute musste ich sie wieder rausholen, beim Ausfüllen eines Dokuments für das Familiengericht und für das Arbeitsamt. Die Sterbeurkunde ist für mich fast wie ein Führerschein geworden. Mit ihm darf ich mich durchs Witwenleben steuern. Wie der Führerscheint ist die Sterbeurkunde zur Routine geworden. Mit dem Unterschied, dass es nicht nach Freiheit schmeckt. Es fühlt sich so an, als hätte ich immer einen dicken Kieselstein in der Jackentasche. Schwer. Einseitig.

Am schlimmsten sind aber die Unterlagen der Banken und Kreditinstitute. Und ein damit verbundener Rechtsstreit. Sie machen rund die Hälfte des Nachlassordners aus. Weil sie auch die Hälfte meiner ersten Zeit als Witwe in Anspruch genommen haben.
Der dicke, fette Nachlassordner. Dort drin ist alles, was Markus´ Tod zu tun hat. Ein Ordner mit knapp zwanzig Zentimeter Durchmesser und bis oben hin gefüllt. Die Kondolenzkarten haben nicht mehr hineingepasst. Sie füllen einen großen Schuhkarton.
Das bleibt dann am Ende von einem Leben: Ein Ordner und ein Schuhkarton. Zumindest in Ablagesprache.

Doch ich freue mich über diesen Nachlass-Ordner. Endlich ist alles an einem Platz. Nach Markus´ Tod war nichts mehr, wo es vorher hingehörte. Der Blätterwald war ein Bildnis für mein ganzes Leben. In den ersten Wochen habe ich kaum etwas anderes getan, als Akten zu wälzen, Briefe zu beantworten und zu telefonieren. Jeder, der sich schon mal um einen Nachlass gekümmert hat, weiß, was ich meine.
Wenn ein Mensch stirbt, hört der Behördenapparat nicht auf zu leben. Jemand muss sich darum kümmern, dass die Maschinen nach und nach abgeschaltet werden. Allein diese Arbeit frisst die meisten Hinterbliebenen auf. Vor allem, wenn man sich alleine dafür Sorge tragen muss. Nicht wenige haben danach einen Burnout, werden krank oder müssen zumindest einen Urlaubsantrag stellen.
Wie ist das aber, wenn ein Familienmitglied Suizid begeht? Wie ist das, wenn dein Ehepartner stirbt und dich mit hohen Schulden hinterlässt, von denen du bis dahin keine Ahnung hattest? Hätte mich das jemand vor 2016 gefragt, ich wäre entrüstet gewesen. Entsetzt. Und auch etwas ungläubig. Dass man so etwas doch merken müsste. Diese Gefühle und Gedanken hat man auch tatsächlich. Nur erst sehr viel später. In den ersten Monaten nach so einem Erlebnis hat man einfach keine Zeit dafür. Wegen dieses Monsters. Wegen der Ablage.

Kaum war Markus tot, kamen die Briefe. Sie sollten lange kommen. Wochenlang. Monatelang. Jeder Brief musste geklärt werden. Jeder Brief führte zu weiteren Briefen. Ich saß jeden Tag mehrere Stunden am Schreibtisch. Wegen dieser Briefe. Aber auch wegen des Chaos, das Markus hinterlassen hatte. Denn bevor ich die Briefe beantworten konnte, benötigte ich Dokumente aus unserer Ablage. Meine konnte ich gut finden. Seine waren so sortiert, wie das Chaos in seinem Kopf es in den Monaten vor seinem Tod zuließ.
Markus war nie ordentlich gewesen. Markus war ein Messie. Das ist nicht böse gemeint, das war einfach so. Er wusste das seit vielen Jahren und hatte gelernt, damit umzugehen. Wie bei vielen chaotischen Kreativen war er bei der Arbeit strukturiert und gut organisiert. Doch zuhause, in seinem Büro und in der Werkstatt, brach immer wieder das Chaos aus. Menschen mit solchen Persönlichkeitsmerkmalen kostet es viel Energie, Ordnung aufrecht zu erhalten. Ihr eigentlicher Antrieb ist das Sammeln und Bewahren, nicht das Sortieren und Wegwerfen. Es lief deshalb ein paar Wochen gut, dann sammelten sich wieder Berge an. Und damit meine ich Berge.
In den Wochen vor seinem Tod hatte er versucht, einige davon noch zu sortieren. Weil er wusste, dass er sterben würde. Aber weil er sich mit dem Thema Suizid beschäftigte, war nicht mehr viel Kraft übrig für anderes. Um es diplomatisch auszudrücken: Das Sortieren ist ihm nur den Umständen nach gelungen.

Eine Freundin kümmerte sich nach seinem Tod um die Rechnungsbelege der letzten drei Jahre, mein Vater um die Versicherungen. Doch die mussten wir erst finden und aus veralteten Unterlagen raussuchen. Ich habe die Akten damals nur oberflächlich nach den wichtigsten Dokumenten durchgeschaut. Für anderes blieb keine Zeit. Erst ein halbes Jahr später habe ich Markus´ Büro entmistet. Doch das ist eine andere Geschichte.
Damals, in der ersten Zeit nach Markus´ Tod, war ein Tag wie eine Woche. Es geschahen so viele Dinge gleichzeitig, ich musste so viele Informationen verarbeiten, so vieles organisieren, so viel entscheiden, so viel wegarbeiten. Ich war eigentlich nur noch Witwe. Ein überlebender Zombie der Akten-Apokalypse. Markus´ Tod hatte mir nicht nur mein altes Leben genommen und mir einen Haufen Chaos und Arbeit beschert – er hatte mir indirekt auch mein Kind genommen.
Ich konnte kaum noch Mutter sein. Ich musste Lütte Locke wegorganisieren, damit ich diesen Aktenberg bewältigen konnte. Damit ich nicht darunter zusammenbrach. Denn wenn ich das tat – das wusste ich – dann würden wir beide es nicht schaffen. Und das tut mir heute am meisten weh. Diese Zeit mit meiner Lütten. Sie ist für immer fort.

Meine Lütte Locke. Sie war damals drei Jahre alt. Markus wollte mit ihr die Eingewöhnung in den Kindergarten starten. Eine Woche nach seinem Tod. Das ging jetzt nicht mehr. Überhaupt war an „normales“ Arbeitsleben nicht zu denken, obwohl ich ja nebenbei auch noch die Zukunft oder den Nachlass unserer Beratungsstelle klären musste. Ich musste damals vieles „nebenbei“ erledigen. So auch Lütte Locke.
Ich musste „nebenbei“ die Eingewöhnung mit ihr im Kindergarten machen und schauen, dass ich ab und zu jemanden hatte, der nachmittags auf sie aufpasste, damit ich den Behördenkram bewältigen konnte. Immerhin konnte ich sie ins Bett bringen, bevor der Aktenwahnsinn für mich weiterging. Man kann sich das nicht vorstellen. Wenn ich jetzt darüber schreibe, kommt es mir ganz unwirklich vor. Und genau das war es auch: Eine Art Gruselmärchen.
Gleichzeitig versuchte ich für Lütte Locke da zu sein – sie hatte ihren Papa verloren! Ich versuchte stark zu sein, aber auch nichts vor ihr zu verheimlichen. Wenn ich weinen musste, habe ich das vor und mit ihr getan. Doch ich habe nicht viel geweint damals. Ich hatte einfach keine Zeit dafür. Dafür hatte ich einen Tinnitus und Kieferschmerzen vom Zähne zusammenbeißen. Und den besagten Gewichtsverlust. Ansonsten spürte ich mich wenig. Später gar nicht mehr. Akten-Zombie eben.

Wenn ich heute Ablage mache, ist es umgekehrt. Heute ist der Inhalt der Dokumente weniger bedrohlich und nicht mehr unbedingt existenziell. Es kommen weniger Briefe, alles hat wieder Normalmaß. Auch ich. Dennoch. Wenn ich heute Ablage mache, kommen die Gefühle nach, die ich damals hätte spüren müssen, aber nicht wahrnehmen konnte. Mein Körper ist angespannt bis unter die Haarspitzen. Ich friere. Ich beiße wieder die Zähne zusammen. Ich habe riesige Angst. Dass ich es nicht schaffen werde. Dass wir das nicht überleben werden. Dass das Leben meiner Tochter für immer zerstört ist. Dass mich das für immer kaputt machen wird.
Diese Gefühle sind wie gesagt im wahrsten Sinne seltsam. Weil sie nicht ins Hier und Jetzt passen. Weil sie alt sind und in eine andere Zeit gehören. In meinem alten Job nennt man das Triggerpunkte. Äußere Auslöser, die an traumatische Ereignisse erinnern und die damit verbundenen Gefühle auslösen. Meinen Klienten mit ähnlichen Erfahrungen habe ich früher gesagt: „So doof das auch klingt, aber wenn Ihre Seele jetzt bereit ist, Ihnen das zuzumuten, bedeutet das auch, dass Sie jetzt stabil genug sind, um das spüren zu können. Es geht Ihnen langsam besser. Und es wird langsam besser.“
Das ist ein fader Trost, ich weiß. Aber er stimmt. Ich spüre jetzt meine Ängste und Gefühle von vor knapp zwei Jahren. Und es ist schlimm. Ich will das nicht. Aber es ist wie mit den Wehen: Ich bin jetzt stark genug, um das Kind zur Welt zu bringen; erst wird es schlimmer, aber irgendwann gewöhnt man sich dran und am Ende hört es ganz auf.

Das hoffe ich zumindest. Denn früher habe ich gerne sortiert. In mir steckt eine Bibliothekarin. Es wäre äußerst schade, wenn sie mit Markus gestorben ist, weil ich weiterhin beim Umgang mit Dokumenten Existenzangst habe. Ich versuche deshalb, vor der Ablage und den Gefühlen, die sie bei mir auslöst, keine Angst zu haben. Der Angst vor der Angst keinen Raum zu geben. Damit würde die engagierte Bibliothekarin in mir noch mehr das Weite suchen. Doch ich bin zuversichtlich. Auch wenn jeder Triggerpoint für mich unglaublich anstrengend ist, fühle ich mich danach viel besser. Meine Gefühle kehren dahin zurück, wo sie herkommen, sodass mein heutiges Ich mehr ich selbst sein kann.
Letztens habe ich mich zum Ausfüllen wichtiger Dokumente in ein Café gesetzt, um neue Reize damit zu verbinden. Das klappt ganz gut. Aber nicht immer. Wenn es um meine berufliche Zukunft geht oder um die Zukunft unseres Hauses, ist es doppelt schlimm. Weil es eben nicht nur die alten Gefühle sind, sondern auch die von heute. Es ist wie mit der Sterbeurkunde. Ich trage das Witwensein weiter mit mir herum. Die Nachwirkungen sind noch lange nicht zu Ende.
Ich muss mich neu wappnen, denn neulich sind zwei weitere Ordner aufgetaucht. Die Quintessenz aus Markus´ Büro. Ordner, in die ich alle Unterlagen abgeheftet habe, die mir wichtig erschienen. Es ist also noch lange nicht zu Ende, auch zwei Jahre nach seinem Tod nicht. Den Satz „Es fängt gerade erst an“, lasse ich an dieser Stelle aber weg. Weil das kein Roman ist. Und weil ich das auch nicht will. Ich will kein Akten-Zombie mehr sein. Zombies sind so gefühllos. Und so fremdgesteuert. Und die riechen nicht besonders gut. Schätze ich mal. Habe noch nie einen echten getroffen. Möchte ich auch nicht. Ich will lieber leben.