„Ich will keine Schokolade, ich will lieber neuen Sand“, würde Lütte Locke vermutlich sagen, wenn sie Trude Herrs Schlager aus den 1960ern kennen würde. In zwei Tagen hat sie Geburtstag. Sie wird fünf Jahre alt. Und ist unglaublich aufgeregt. Wenn man sie aber fragt, was sie sich wünscht, muss sie lange überlegen. Dann kommen solche Sachen wie: Eine bunte Schale und ein bunter Becher. Weil sie Regenbogen liebt. Oder eine genaue Beschreibung ihres Kuchens, den sie in den Kindergarten mitnehmen möchte. Mit Schokolade. Denn eigentlich liebt Lütte Locke Schokolade. Doch sie würde sie sich nicht wünschen.
Was Lütte Locke sich wirklich wünscht, kann man ihr nicht so einfach schenken. Wenn sie länger nachdenkt, sagt sie: „Dass wir hier bleiben können“ oder „Dass wir nicht umziehen müssen.“ Doch ist das tatsächlich ihr Wunsch, oder hat sie sich das abgeschaut? Denn natürlich hat sie meinen Existenzkampf nach dem Tod ihres Vaters mitbekommen. Lütte Locke hat schon als Baby sehr aufmerksam ihre Umwelt wahrgenommen. Ihr entgeht nur wenig. Hat sie mich also einfach nur gut beobachtet und meinen Wunsch übernommen?

Ich habe mit diesem Wunsch oder diesem Ziel lange gehadert. Ich tue das immer noch ab und zu. Meine engsten Freunde treibe ich damit vermutlich langsam in den Wahnsinn. Immer wieder habe ich mich gefragt: Sollen wir hier wohnen bleiben oder nicht? Ich will hier nicht auch noch mit den Einzelheiten nerven – nur so viel: Unser altes Landhaus zu sanieren ist genauso teuer wie ein neues zu bauen. Ein neues Haus wäre dann aber viel kleiner und hätte nicht diese besondere Lage in einem Naturparadies.
Trotzdem ist das – genauso wie ein neues Haus – für mich eine Herausforderung. Weil ich wieder einen neuen Weg beginne. Mit einem neuen Mann. Mit einer neuer Familie. Mit neuem Vertrauen. Das ist nicht so leicht, bald zwei Jahre nach der Erkenntnis, dass der Mann, mit dem ich seit meiner Teenagerzeit zusammengelebt habe, all die Jahre Geheimnisse vor mir hatte. Man muss sich das mal vorstellen: Beste Freunde, Arbeitskollegen, Liebespaar, Eltern. Eine offene Kommunikation. Und dann stellt man fest, dass sie nur einseitig war. Dass der Mann, mit dem du dein Leben geteilt hast, noch andere Seiten hatte. Dunkle Abgründe. Gut versteckt. Mit denen er selbst nicht mehr leben konnte. So dass er entschieden hat zu sterben.
Mit seinem Tod ist auch fast alles andere gestorben: Unsere Beratungsstelle, mein Job, mein Einkommen. Meinen Beruf als sozialpsychologische Beraterin kann ich nicht mehr ausüben. Die Gefahr einer Re-Traumatisierung ist zu groß. Etwas gemeinsam aufzubauen – ist das also auch für immer weg? Kann ich das alles nochmal wagen? Mit einem neuen Partner wieder ein Zuhause bauen, ein gemeinsames Geschäft, eine Zukunft? Wer kann mir versichern, dass es dieses Mal klappt? Niemand.

Mit dieser Unsicherheit habe ich mich lange herumgeschlagen. Bis ich entschieden habe, das nicht mehr zu tun. Bis ich mich entschieden habe, wieder zu vertrauen. Auf meinen neuen Partner, der ein anderer Mensch ist als mein verstorbener Mann. Auf Gott, dass er es gut mit mir meint. Auf unsere neue Familienkonstellation. Seitdem ich mich dazu entschieden habe, dass ich das hier wirklich will – nicht nur für Lütte Locke, sondern auch für mich – geht es mir besser. Und auch Lütte Locke. Man sagt ja: Geht es der Mutter gut, geht’s auch dem Kind gut. Das ist keine Floskel, das stimmt. Zumindest bei uns.
Seitdem ich aus der Reha zurück bin und wieder vertraue, blüht Lütte Locke auf. Sie zögert nicht mehr vor neuen Erfahrungen, sie wirft sich hinein. Sie will tanzen und singen und traut sich mit fremden Kindern für ein Musical zu proben. Sie will reiten und traut sich, Kontakt zu neuen Menschen, Tieren und Orten aufzunehmen. Sie klettert in Bäume und will Radfahren und Schwimmen. Sie sagt Bescheid, wenn sie Angst hat, sucht sich Hilfe, bekommt sie auch, und macht dann weiter. Sie (ver)traut sich auch neu.
Das war vor kurzer Zeit noch ganz anders. Regeln und feste Strukturen waren für sie unglaublich wichtig. Nichts durfte sich verändern. Neue Abläufe, Menschen, Erlebnisse haben sie eingeschüchtert. Kein Wunder, wenn alles wegbricht. Da bleiben nur die äußeren Sicherheiten, an denen man sich festhalten kann.
Was braucht ein Kind, das ein Elternteil verliert? Nähe. Bindung. Sicherheit. Das brauchen alle Kinder. Kinder, die eine Bezugsperson verlieren, brauchen das noch mehr. Sie suchen danach. Vor allem bei dem übrig gebliebenen Elternteil. Was ist aber, wenn der andere Elternteil auch geschockt, in Trauer oder vollkommen von der Verwaltung eines Suizids in Beschlag genommen wird? (Siehe „Stirb, Akten-Zombie!“) Was bekommt es dann? Schokolade.

Das ist jetzt etwas überspitzt formuliert, aber tatsächlich wurde Lütte Locke nach dem Tod ihres Vaters mit Süßigkeiten und Geschenken überhäuft. Es war für sie wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen. Die Süßigkeiten habe ich konfisziert und ihr nach und nach gegeben oder – ich weiß, das wird manchen nicht gefallen – weggeschmissen. Die Geschenke habe ich aussortiert und ihr nur einen Bruchteil gegeben. Das meiste habe ich verschenkt oder an die Tafel gespendet. Und das war nicht nur nach Markus´ Tod so, das ist seitdem immer wieder zu Anlässen wie Weihnachten, Ostern, dem Todestag oder ihrem Geburtstag passiert.
Was fehlt einem Kind, wenn ein Elternteil stirbt? Keine Süßigkeiten und kein Spielzeug. Sie trösten nicht. Einem Kind fehlt Zeit mit seiner übrig gebliebenen Bindungsperson. Eine innige Umarmung, ein gemeinsames Spiel im Garten, eine Geschichte vorlesen. Trost durch Nähe. Trost durch Zeit. Sicherheit. Ein geborgenes Nest. Wenn es das nicht bekommt, sucht es sich dieses Nest woanders. Und es wäre fatal, wenn es das in Spielzeug und Schokolade findet. Es würde lernen: Wenn ich ganz viele Sachen habe, geht es mir gut. Wenn ich Schokolade esse, geht es mir gut. Wozu führt das, wenn es erwachsen ist? Übergewicht und Kaufsucht. Ja, das Leben ist kein Zuckerschlecken.
Ich wünsche mir für meine Tochter ein anderes Nest. Das muss nicht dieses Haus sein. Aber es muss ein Zuhause sein. Gott sei Dank hat sie sich ihr Nest vorübergehend in ihrem Kindergarten gesucht und auch dort gefunden. Sie hat eine Bindung zu ihren Erziehern aufgebaut, als ich ihr nicht viel geben konnte. Sie hat eine Bindung zu meinem neuen Partner, dem Wikinger, aufgebaut. Und sie hat anfangs viel Sicherheit in ihrer Umgebung gefunden, den Gebäuden des Kindergartens und vor allem hier in ihrem Zuhause.

Mittlerweile ist sie wieder sicher. Sicher bei mir. Weil ich mir wieder sicher bin. Mittlerweile kommt es vor, dass sie sagt: „Warum wohnen wir nicht in den Niederlanden?“ (Das ist die Heimat des Wikingers.) Doch wenn sie genauer drüber nachdenkt, schiebt sie hinterher: „Dann müssten wir aber unser Haus mitnehmen. Und die Bäume. Und die Baumschaukeln. Und den Sandkasten. Und meinen Wald. Und den Kindergarten.“ Ja, Lütte Locke hat den ganzen Hickhack nach dem Tod ihres Vaters miterlebt. Doch ihr Wunsch, ihr Zuhause zu behalten, war immer ihrer.
Ich weiß, meine Freunde meinen es gut mit mir. Sie tragen meine Entscheidungen mit, egal welchen Weg ich wähle. Auch wenn sie anderer Meinung sind. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Denn das ist nicht selbstverständlich. Um mir eine Hintertür offen zu halten, falls die Finanzierung der Sanierung letztendlich doch scheitern sollte, sagen manche dann so etwas wie: „Kinder gewöhnen sich an neue Situationen. Mach dir keine Sorgen. Lütte Locke schafft das schon.“ Und ja, sie würde es schaffen. Aber muss sie das?
Muss sie, nachdem sie auf so viel Nähe, Zeit, Geborgenheit, Sicherheit verzichten musste, wieder etwas verlieren? Muss sie ihr Zuhause loslassen? Was nicht nur emotional gemeint ist, sondern auch rechtlich, denn ihr gehört ein Viertel des Hauses. Ohne das Familiengericht kann ich ohnehin keine Entscheidung treffen, die Lütte Lockes Haus betrifft. Doch das ist eine andere Geschichte. Sie wird jetzt also fünf Jahre alt und hat in dieser kurzen Lebenszeit schon ihren Vater verloren, eine ungewisse Zeit mit ihrer Mama, der wütenden Witwe, hinter sich, einen neuen Papa in ihr Leben gelassen und sich getraut, sich neuen Erfahrungen zu stellen. Soll ich es da zulassen, dass sie auch noch ihr Zuhause verliert?

Interessant ist auch, dass Lütte Locke wirklich keine anderen Wünsche hat. Wenn ich gefragt werde, was sie sich wünscht, muss ich mir wirklich viele Gedanken machen. Das Lied von Trude Herr passt tatsächlich gut zu ihr:

„Ich hatte neulich grad Geburtstag, und diesen Tag vergess‘ ich nie, denn alle Tanten und Verwandten waren mit von der Partie. Sie brachten (…) Schokolade zentnerschwer, (…) ich schrie: „Ich will das Zeug nicht mehr!“

Wenn ich bedenke, wie viel das gekostet haben mag: All die Schokolade und all das Spielzeug in den Paketen. Das Verpackungsmaterial. Das Porto. Von diesem Geld hätten wir sicherlich eine ganze Ladung Sand für Lütte Lockes Sandkuhle kaufen können. Ich hoffe, ihr nehmt mir diese Rechnung nicht übel, denn ich weiß auch, dass man einfach etwas tun möchte, wenn man so etwas wie von uns erfährt. Wenn ein Vater Suizid begeht und die Mutter und das Kind verschuldet zurückbleiben. Doch genau deshalb schreibe ich diesen Beitrag – damit ihr wisst, was man dann wirklich braucht: Sicherheit. Nähe. Zeit.
Wenn ihr Menschen kennt, denen so etwas Ähnliches wie uns passiert, fragt sie direkt, was sie brauchen. Sie sind die besten Experten für ihre Situation. Und wenn sie zu durcheinander oder zu gestresst sind, um euch eine Antwort zu geben, schenkt ihnen eure Nähe und eure Zeit. Gegen liebevolle Worte und Karten ist nichts einzuwenden, aber fast immer benötigen Witwen und Waisen Geld. Das war schon zu biblischen Zeiten so und das ist leider auch heute noch so. Darauf werde ich demnächst noch eingehen. Bevor ihr also Geld für Süßigkeiten oder Spielzeug ausgebt, gebt es ihnen einfach so. Auch wenn es nur fünf Euro sind. Dann können sie es verwenden, wozu sie es wirklich brauchen. Für ein Fundament, auf dem sie ihr neues Leben aufbauen können. Schenkt Sicherheit statt Schokolade.

Lütte Locke hat ihr Geburtstagsgeschenk übrigens schon bekommen: Eine Ladung Sand für ihre Sandkuhle im Garten. Sie bekommt natürlich auch noch einen Kuchen. Mit ihren Freunden feiert sie eine Piratenparty. Und als Überraschung werden wir noch eine Seilbahn in den Garten hängen. Dank unserer alten großen Bäume. Diese uralten Riesen, die schon viele Stürme überlebt haben. Bei einigen dieser Stürme haben sie ganze Baumkronen verloren oder die Hälfte ihres Stammes. Aber sie leben immer noch. Selbst umgekippte Bäume treiben an den Seiten wieder aus.
An ihnen nehme ich mir ein Beispiel. Ich werde so lange versuchen, dieses Fleckchen Erde für uns zu erhalten, bis wirklich gar nichts mehr geht. Erst dann bin ich bereit, Bäume und Haus jemand anderes zu überlassen. Aber wirklich erst dann. Kann sein, dass dieses „dann“ schon in ein paar Wochen eintritt. Doch ich hoffe auf ein „nie“.