Vor einiger Zeit hatte ich einen Unfall. Mit meinem neuen Partner. Wir waren in den Niederlanden unterwegs – zuvor hatten wir einer Freundin beim Umzug geholfen und ihr dafür unseren Transporter geliehen. Jetzt saßen wir zum Tausch in ihrem Auto und waren auf dem Weg zu Lütte Locke, die bei ihren Großeltern geblieben war. Es regnete und wurde langsam dunkel. Die Straße war nass, dreispurig und wir kamen in den Feierabendverkehr.

Wir fuhren auf der mittleren Spur, als sich plötzlich von links ein Auto vor uns drängelte. Um nicht aufzufahren, musste mein Partner stark bremsen und wir kamen ins Schleudern. So sehr, dass wir auf die linke Spur kamen, uns drehten und gegen die Leitplanke prallten. Mein Partner sagte in diesen Sekunden, die wie in Zeitlupe abliefen: „Nicht mit diesem Auto!“, denn es war ja nicht unseres. Und ich dachte nur an Lütte Locke. Und hoffte, wir würden nicht sterben.

Bis dahin war mir mein eigener Tod relativ egal gewesen. Ich habe keine Angst vor dem Tod, weil ich an ein Leben danach glaube. Ich mag mein Leben. Aber ich hing auch nicht besonders daran. Bis zu diesem Moment. Als mir zum ersten Mal – so richtig – klar wurde: Lütte Locke hat nur noch mich. Sie hatte keinen Vater mehr. Da durfte ich doch nicht so einfach sterben!

Mittlerweile ist mein neuer Partner ihr neuer Vater geworden, aber zu diesem Augenblick kannten wir uns noch nicht so lange.

Wie durch ein Wunder war niemand verletzt und wir hatten auch kein anderes Auto getroffen. Wir wurden von den gelben Engeln abgeschleppt und fuhren schließlich in einem Taxi weiter.

Das war das erste Mal, dass ich wieder in Markus´ Auto saß. Im übertragenen Sinne. Es war nicht das Auto, mit dem er weggefahren ist, um zu sterben, aber dieselbe Marke, dieselbe Größe und ich saß auf demselben Sitz wie früher neben ihm. Mehr als ironisch, wenn man bedenkt, dass dieses Auto mich zurück zu Lütte Locke brachte, nachdem ich hätte sterben können. Und Markus in diesem Auto gestorben ist.

 

Über diesen Text denke ich schon seit über einem Jahr nach. In der Suizidprävention wird davor gewarnt zu beschreiben, wie jemand anderes sich das Leben genommen hat. Damit es keine Nachahmer animiert. Denn wer ernsthaft vor hat, sein Leben zu beenden, sucht nach Möglichkeiten, dies auch zu tun. Im Internet gibt es haufenweise Anleitungen dazu. Das weiß ich spätestens seit drei vier Tagen nach Markus´ Tod.

Zu der Zeit fiel mir ein, dass unsere Smartphones gekoppelt waren und wir einen gemeinsamen Suchverlauf einstellen konnten. Also lag ich da einige Tage nach seinem Tod abends im Bett und konnte schwarz auf weiß lesen, was ihn in den letzten Tagen vor seinem Tod beschäftigt hatte. Ich fand Haufenweise Anleitungen, wie man sich am besten das Leben nimmt. Und zum Schluss detaillierte Schilderungen, wie er seine Art des Todes umsetzen könnte – was er auch tat.

Wenn ich nun hier darüber schreibe, hoffe ich, dass es Nachahmer abschreckt – weil es nicht nur um das Wie geht, sondern auch um das Wie danach: Wie ist das für die Familie, die danach aufräumen muss? Welche Folgen hat das für die Menschen, die man liebt und verlässt? Etwas, was die meisten versuchen auszublenden, wenn sie Suizid begehen, weil der Schmerz über das eigene Leben größer wirkt – wohlgemerkt nicht ist. Das ist das Tückische an Depressionen: Der Tunnelblick, der alles ins Dunkle taucht und das Licht ausblendet. Doch es ist da. Dies aufzuzeigen ist eins der wichtigsten Aufgaben in der Suizidprävention: Es gibt Hoffnung. Sie existiert wirklich. Das Leben lohnt sich. Tatsächlich.

 

Nicht wenige Hinterbliebene finden ihre geliebten Familienmitglieder nach deren Suizid. Das kann Vor- und Nachteile haben. Der Vorteil ist, dass man sich des Todes bewusst werden kann. Man kann ihn sehen und anfassen. Zumindest kurzfristig, bevor die Polizei anrückt und der Todesort zum Tatort wird. Der Nachteil ist, dass sich das Bild des Verstorbenen für immer ins Gedächtnis einbrennt und ausgerechnet das Leid und den Schmerz einprägt, mit dem der geliebte Mensch sich am Ende seines Lebens herumgeschlagen hat. Nicht aber die unbeschwerten Jahre und schönen Erlebnisse davor. Bei uns war es anders. Bei uns blieb hauptsächlich die Erinnerung an das rote Auto.

Lütte Locke hat besonders im ersten Jahr nach dem Tod ihres Vaters noch oft hinter einem roten VW Caddy hinterher gezeigt, und gesagt: „Kuck mal, da ist ja Papas Auto!“ und damit verbunden anfangs auch immer noch mit ihren drei Jahren gefragt oder gedacht: „Vielleicht sitzt er ja da drin?“ Mittlerweile schaut sie keinen roten VW Caddys mehr hinterher. Dafür aber ich. Dieses Modell wird von vielen Familien geschätzt. Und in diesem Sommer waren wegen des schönen Wetters viele Familien an der Nordsee. In unserer Gegend fuhren mehr rote VW Caddys herum als sonst. Und obwohl ich weiß, dass Markus tot ist, kann ich nicht anders: Ich muss schauen, wer da am Steuer sitzt. Weil ich Markus nie tot gesehen habe. Ich habe nur sein Blut gesehen.

Eine Woche nach seinem Tod habe ich das Auto wiedergesehen. Eine Abschleppfirma hat es bei meinen Nachbarn auf den Hof gestellt. Mein Nachbar ist auch Suizidhinterbliebener; er hat seinen Vater vor Jahren tot gefunden. Seine Frau ist auch Witwe. Sie hat ihren ersten Mann verloren, als ihre Tochter noch klein war. Beide wussten, wie das für mich ist.

 

Markus hat also das rote Auto genommen und ist zum Sterben weggefahren. Er hat einen Autobahnrastplatz ausgewählt, in dessen Nähe eine Autobahnpolizei lag, damit man ihn schneller findet – aber weit genug weg von unseren gemeinsamen Erinnerungen. Einen neutralen Ort. Mit Blick auf ein paar Bäume. Dort hat er mehrere Stunden gestanden, sich betrunken und dann seine Beinschlagadern aufgeschnitten. Als ich erfuhr, dass er tot war, wusste ich sofort, dass er diese Methode gewählt hatte. Keine schöne Art für die meisten Menschen, aber eine ansatzweise humane Art für Querschnittsgelähmte, die ihren Körper nicht mehr spüren.

Doch diese Methode erfordert auch einen starken Willen. Selbst bei stark abgemagerten Beinen wie die von Querschnittsgelähmten, deren Muskulatur zurückgebildet ist, weil sie nicht mehr benutzt wird, muss man sich durch viel Gewebe schneiden, bis man die Beinschlagader erreicht. Und um diese zu durchtrennen, braucht man ebenfalls Kraft. Man muss schon ziemlich verzweifelt sein, um diesen Weg zu gehen. Später habe ich erfahren, dass er es zunächst an einem Bein versucht, aber aufgehört, und es dann am anderen geschafft hat. Ich vermute, dass er bis zum Schluss mit sich gekämpft hat.

Auch der Suchverlauf in seinem Handy macht das deutlich. An einem Tag noch hat er nach Trikes Ausschau gehalten, der Möglichkeit, wieder Motorradfahren zu können, am anderen hat er nach Suizidmöglichkeiten gesucht. In wieweit sein Tod geplant war, lässt sich im Nachhinein nicht sagen. Über die Option nachgedacht hatte er bereits seit Jahren – wie ich später erfuhr. Er hat es zumindest ab und zu in Betracht gezogen. Dann, zwanzig Jahre und ein Jahr nach seinem Motorradunfall, hat sich der Tunnelblick so sehr verdichtet, dass er im wahrsten Sinne zurück in den Tunnel gefahren ist, in dem er damals seinen Unfall hatte. Zurück zur Möglichkeit zu sterben.

 

Dass seine Entscheidung relativ spontan war, lässt sich auch daran erkennen, dass er Lütte Lockes Kindersitz nicht zuhause gelassen hat. Was zur Folge hatte, dass ich einige Tage lang nicht wegkonnte. Zumindest nicht mit Lütte Locke. Zusätzlich zu seinem spurlosen Verschwinden und der Ungewissheit war ich also auch noch dazu verdammt, zuhause zu bleiben. Zumindest bis das rote Auto auf dem Hof meiner Nachbarn stand.

Wenn ich heute den Kindersitz betrachte, denke ich manchmal: Er war dabei, als Markus starb. Wenn er uns doch nur erzählen könnte, wie es wirklich war.

Ich hatte damals viel Kopfkino. Ich versuchte mir auszumalen, wie es gewesen sein könnte. Wie Markus gestorben ist. Etwas Klarheit bekam ich erst, als ich das rote Auto ausräumte. Meine Nachbarn boten mir an, das für mich zu übernehmen, aber ich wollte es sehen. Ich wollte sehen, in welcher Kulisse Markus gestorben war.

Also bin ich eine Woche nach Markus´ Tod zusammen mit meiner Freundin Nora zum roten Auto gegangen und habe den Kindersitz geholt. Und weitere Dinge, die noch im Auto lagen. Die Fenster des Autos waren offen, damit es nicht so stank. Ich roch relativ wenig, konnte es aber sehen, das geronnene Blut im Fußraum und auf einer Decke und auf meinem großen Stillkissen, das Markus zum Lagern seines Körpers genutzt hatte. All das ließ ich im Auto. Kurz ärgerte ich mich, denn ich hatte das Stillkissen sehr gemocht und dachte pragmatisch, dass ich das Blut da nie wieder rauskriegen würde – so ein Mist!

Wir wurden gefragt, wie schlimm es gewesen sei, uns das anzusehen. Es war wohltuend. Das ist vielleicht schwer zu verstehen, aber mit dem Anblick des Autos kam endlich Realität in das mysteriöse Verschwinden. Zumindest konnte ich jetzt einen Teil seines Todes sehen. Auch die Schnapsflasche und die Skalpelle. Es war alles noch da. Ich steckte die unbenutzten Skalpelle zurück in die Packung und legte ein mit Blut versehenes zurück in den Fußraum. In dem Bewusstsein, dass Markus vielleicht diese Dinge zum Ende seines Lebens in den Händen gehabt hatte. Das klingt hart für Außenstehende, aber für uns war es, als hätten wir noch einmal Anteil gehabt an Markus´ letzten Stunden. Als wäre er doch nicht so ganz alleine gestorben.

 

Trotzdem ließ mich das rote Auto auch Wochen und Monate später nicht in Ruhe. Mein Nachbar brachte es zu einer Werkstatt, wo es aufbereitet wurde, damit ich es verkaufen konnte. Es dauerte lange, bis sie die richtigen Mittel fanden, um den Leichengeruch loszuwerden. Das kostete Geld. Nicht wenig. Dann kam noch der Dieselskandal von VW dazu, der den Preis des Autos zusätzlich sinken ließ. Und die Polizei, die irgendwann im Autohaus stand, weil jemand vergessen hatte, die Suchmeldung nach dem Auto aus den Akten zu löschen, nachdem Markus gestorben war. Das erschwerte den Kauf zusätzlich. Denn wer möchte schon ein Auto haben, das der Polizei gemeldet war?

Ich hätte das Auto gerne behalten. Es ist schneller und größer und bietet wie gesagt einer Familie genug Platz. Doch es war auch das Wertvollste, was ich hatte. Und ich brauchte Geld. Ein Freund von mir lieh mir Geld, mit dem ich die letzten Forderungen der Banken bezahlen konnte, die Markus nicht mit einer Lebensversicherung abgesichert hatte. Ich wollte, dass mein Freund sein Geld zurückbekam. Ich wollte keine Schulden. Also veräußerte ich beide Autos und kaufte mir für den kleinen Überschuss einen Gebrauchten von einem anderen guten Freund.

Es ist ein merkwürdiger Gedanke, dass nun irgendwo jemand in Markus´ Auto umherfährt. Der Ort, an dem er gestorben ist. Auf der anderen Seite ist darin nichts mehr, was an seinen Tod erinnert. Es ist ein Fahrzeug, nicht mehr und nicht weniger. Doch vielleicht ist das der Grund, warum ich heute immer noch roten VW Caddys hinter herschaue. Weil ich denke, vielleicht ist er das. Vielleicht ist das Markus´ Auto.

 

Doch bis es soweit war, dauerte es Monate. Und nochmal Monate später meldete sich die Berufsgenossenschaft bei mir. Jemand aus der PKW-Abteilung. Er fragte, was mit dem Auto passiert sei. Als ich ihm sagte, dass ich es verkauft hatte, wurde er ungehalten und erklärte mir, ich hätte es gar nicht verkaufen dürfen, weil die Berufsgenossenschaft einen Zuschuss dazu gezahlt hatte und auch den rollstuhlgerechten Umbau finanziert hatte. Sie hätten das Vorrecht gehabt, das Auto an einen anderen Rollstuhlfahrer weiterzuvermitteln.

Ich entgegnete, dass ich das zu gerne getan hätte, hätte man mich nicht erst über ein halbes Jahr nach Markus´ Tod – telefonisch – davon in Kenntnis gesetzt. Ich frage ihn aber auch, wie er sich das praktisch vorstelle: Die rollstuhlgerechten Umbauten waren mit Blut durchtränkt, die Scharniere nicht mehr zu gebrauchen. Der Ausbau und die Säuberung des Autos waren teurer gewesen als der Umbau und der Zuschuss.

Etwas zurückhaltender sagte er, ich müsse ihm diese Kostenaufstellung zukommen lassen, anderweitig müsse ich die Investition der BG zurückzahlen. Ich blieb ruhig und fragte ihn nur noch: „Ihnen ist aber schon klar, dass mein Mann sich in diesem Auto umgebracht hat?“ Daraufhin sagte er lange gar nichts, ich hörte, wie er auf der Tastatur seines PCs herumtippte. Schließlich murmelte er etwas davon, dass ich ihm bitte die Kostenaufstellung zuschicken solle, damit hätte sich alles erledigt. Ich schickte ihm alles zu. Er hat sich nie wieder gemeldet.

 

Manchmal, wenn dort jemand am Steuer eines roten VW Caddys sitzt, der Markus ähnlich sieht, muss ich den Impuls unterdrücken zu winken. Denn hätte ich damals gewusst, als er zum letzten Mal wegfuhr, dass ich ihn nie wiedersehen würde, hätte ich das zumindest gerne getan: Ich hätte mich verabschiedet. Und wenn es nur ein Winken gewesen wäre. Deshalb mache ich das heute ab und zu. Heimlich.

Die Ironie scheint auch keine Grenzen zu kennen, was dieses rote Auto angeht. Als ich diesen Text zum ersten Mal als Rohfassung geschrieben habe, war ich erleichtert. Denn mit jedem Stückchen Geschichte dessen, was nach Markus´ Suizid geschehen ist, das ich hier aufschreibe, fühle ich mich etwas freier. Weil ich es mit euch teilen kann. Hoffentlich mit Lesern, denen es ähnlich geht. Anderen (Suizid)Hinterbliebenen. Anderen, die ihr altes Leben hinter sich lassen mussten. Die keine Wahl hatten. Und vielleicht, so hoffe ich, mit anderen Menschen mit Depressionen und Tunnelblick, denen bewusst wird, was ihre Tat mit ihrer Familie macht.

Jeder Tunnel hat ein Ende. Da ist und bleibt immer jemand, der euch liebt. Immer. Für diesen Menschen lohnt es sich weiterzumachen, sich anzuvertrauen und Lösungen zu finden. Sterbt nicht vorzeitig. Verlasst eure Lieben nicht. Nicht so. Damit sie nicht ständig roten Autos hinterher schauen müssen.

Nachdem ich also erleichtert war, diese Episode erzählt zu haben, stieg ich in meinen kleinen Gebrauchten, der auch nicht mehr lange halten wird – aber er lebt immerhin noch – und fuhr los in eine Nachbarstadt. Welches Auto biegt wohl in unserem Dorf vor mir ein und fährt die ganzen fünfzehn Kilometer vor mir her? Ein roter VW Caddy Maxi. „Immerhin eine andere Edition“, habe ich zu meinem Partner gesagt, der sofort wusste, was ich meinte. „Dieses kack doofe rote Auto“, murmelte ich dann. Und musste grinsen. Wenn ich mir heute ein größeres Auto kaufen könnte, wäre es ohnehin kein Caddy mehr. Und es wäre grün. Ganz sicher.