Vor etwa achtzehn Jahren hat es angefangen, mein Ende von Weihnachten. Bis dahin habe ich das Fest geliebt. Als Kind sowieso. Nicht so sehr wegen der Geschenke. Sondern weil wir dann Zeit hatten. Auch wenn wir sie oft gemeinsam vor dem Fernseher verbracht haben, immerhin war unsere Familie zusammen. Bei heißem Kakao und in Wolldecken gekuschelt haben wir Nüsse geknackt und die alljährlichen TV-Specials zur Adventszeit verfolgt. Papa hatte etwas Pause, ich Ferien und Oma und Opa kamen vorbei zum Spaziergang oder für Gesellschaftsspiele.

Das hörte irgendwann auf. Als ich ein Teenager war. Als ich Christ wurde. Welch eine Ironie.
Weihnachten bekam für mich eine besondere Bedeutung. Und die Adventszeit wurde stressig mit Vorbereitungen für den Gottesdienst und Auftritten und Geschenken für Freunde. Doch schön war es immer noch. Wegen des Kerzenlichts, des Geruchs von Zimt und dieser besonderen Stimmung. Aus Nähe und Hoffnung. Alle rückten mehr zusammen, für klitzekleine Momente waren wir wie eine perfekte Familie – sowohl meine Freunde und ich als auch meine Eltern und ich.
Auch Markus´ Unfall änderte nichts daran. Wir wurden eine neue Familie, seine Eltern und meine Eltern und ich. Weihnachten blieb ein Lichterfest, eine Hoffnung, dass eines Tages alles gut wird. Denn insgeheim, wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich immer diese Traurigkeit in mir. Dieses Warten auf bessere Zeiten, auf eine heile Welt. Nicht nur für mich, für alle Menschen. Die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit. Nach dem Ursprung, dem Paradies.

Das mag auch der Antrieb gewesen sein, dieses Haus zu kaufen. Um einen Ort der Ruhe zu schaffen. Für uns. Für andere. Wir hatten uns damals über achtzig Häuser angesehen und über ein Jahr lang gesucht. Doch barrierefreier Wohnraum war damals noch schwerer zu finden als heute. Zum Spaß haben wir die Eckdaten unseres Traumhauses in eine damals noch einzigartige Suchmaschine für Immobilien eingegeben und den Radius auf Ostfriesland eingestellt. Dahin wollten wir ziehen, wenn wir mal in Rente gehen. Doch als die Suchmaschine nur dieses eine Haus ausspuckte, mussten wir es uns einfach ansehen. Wir verliebten uns darin und kauften es. Und dann kam das Weihnachten, das alles veränderte.
Um Weihnachten in diesem Haus feiern zu können, wollten wir zumindest einen neuen Fußboden darin haben, denn es war eiskalt und zog aus allen Nischen. Tut es heute noch. Also beeilten wir uns und Markus verlegte selbst das Parkett – indem er über den Boden robbte. Dabei zog er sich Schürfwunden zu. Egal, sie verheilten langsam, und wir feierten mit unseren Eltern unser erstes Weihnachten im halb ausgebauten alten Landhaus in der Idylle des Flachlands kurz hinterm Deich. Wir hatten es geschafft. Dachten wir.
Ein Jahr später feierten wir Weihnachten im Krankenhaus. Die Schürfwunde war oberflächlich zugewachsen, hatte sich aber darunter entzündet und einen riesigen Krater in Markus´ Hüfte gefressen. Zwei Monate nach unserem Umzug kam er mit einer lebensbedrohlichen Sepsis ins Krankenhaus und blieb zehn Monate dort. Dadurch fiel das Krankengeld weg, was wiederum unsere finanziellen Reserven auffraß, sodass wir einen Kredit aufnehmen mussten.

Unser Traum vom Landhaus war passee. Statt nach und nach zu sanieren mussten wir nach und nach abbezahlen. Bis kurz vor Lütte Lockes Geburt. Der Zustand unseres Landhauses blieb halb ausgebaut. Und kalt im Winter. Verkaufen konnten wir es auch nicht, weil es keinen entsprechenden rollstuhlgerechten Ersatz gab. Und das war nötiger denn je. Als Markus nach zehn Monaten das Krankenhaus wieder verließ, hatte er einen Buckel mehr und einen Gelenkkopf in der Hüfte weniger. Er hatte eine gestauchte Lunge und schlechte Blutwerte. Er hatte zwar überlebt, aber ein Teil von ihm ist damals gestorben.
Die Weihnachten danach habe ich so getan als ob. Ich habe versucht, es uns schön zu machen. Diesem Haus eine warme Stimmung einzuhauchen, wenn es schon kalt war. Jesu Geburtstag trotzdem zu feiern. Mir hat das Trost geschenkt, dass Jesus in einer Scheune geboren wurde. Ich wusste: Wir feiern Weihnachten nicht alleine so. Jesus kennt das. Und betete jedes Jahr, dass das nächste besser wird. Dass es Markus besser geht und dass wir doch, eines Tages, dieses Landhaus zu einem Zuhause machen wie aus der Fernsehwerbung, in der die Familie von einem Spaziergang in der kalten Winterluft nach Hause kommt und sich zuhause am Ofen aufwärmt. Doch jedes Jahr schwand diese Hoffnung ein Stück, weil es immer wieder dasselbe war. Kalt.
Ja, es wurde immer ein Stückchen besser. Nach und nach renovierten wir das Nötigste und bauten auf Spendenbasis eine Beratungsstelle auf, in der wir zehn Jahre lang arbeiteten. Markus erholte sich. Seine Blutwerte stiegen wieder und die Lunge erholte sich. Sein Inneres aber nicht. Nicht wirklich. Ständig schwankte er hin und her zwischen kämpfen und aufgeben.

Rückwirkend kann ich es sehen: Eine echte, wirkliche Hoffnung gab es nicht. Nicht für ihn. Nicht für das Haus.

Als Lütte Locke Teil unseres Lebens wurde, bekamen die Weihnachtsfeste ein anderes Gesicht. Es wurde familiärer, wir rückten wieder zusammen, das Staunen über die kleinsten Wunder kehrte zurück. Doch darunter war immer dieses Sterben auf Raten. Das letzte Weihnachten war nach außen hin betrachtet die Idylle pur. Es gibt viele Fotos davon. Markus hat immer viel fotografiert, aber dieses Weihnachten zeigt auffällig viel uns als Familie. Alle gemeinsam auf einem Bild. Als hätte er uns noch ein letztes Mal gemeinsam festhalten wollen.
Das Weihnachten nach Markus´ Suizid war seltsam. Als hätte sich innerhalb eines Jahres die ganze Welt verändert. Was auch stimmte. Es war eine Mischung aus Erleichterung – denn diese unterschwellige Bedrückung der vielen Jahre davor war mit ihm gestorben – und Trauer, weil er nicht mehr da war – und Neuanfang, weil der Wikinger, mein neuer Partner, mit uns eine eine ganz andere Einheit bildete. Eigentlich von Anfang an, als er das erste Mal hier war. Doch das ist eine Geschichte für einen eigenen Blogbeitrag. Dieses Weihnachten nach Markus´ Tod war fragil. Es fühlte sich an wie eine zierliche Eisskulptur, die jederzeit schmelzen oder mit einem leisen Klirren unbemerkt zerbrechen kann. Doch sie tat es nicht.
Letztes Jahr Weihnachten dann war ich am Ende. Über ein Jahr Suizidaufräumen hatte mich zu einem Wrack werden lassen. Kurz darauf fuhr ich zur Reha. Und habe mich wiedergefunden. Doch. Die Sache mit dem Haus. Sie ist immer noch da. Seit achtzehn Jahren. Und jetzt ganz neu. Weil es nicht mehr mein und Markus´ Traum vom Landhaus ist. Weil es Lütte Lockes Zuhause ist. Und ihr auch zu einem Viertel gehört. Alle Entscheidungen zu diesem Haus müssen deshalb mit dem Familiengericht abgeklärt werden. Eine Sanierung nicht – aber ein Verkauf.

Letztes Jahr haben wir gesagt, dass dies das letzte Weihnachten in diesem Haus in diesem Zustand ist. Das ist der Grund, warum ich dieses Jahr solche Schwierigkeiten mit Weihnachten habe. Seit achtzehn Jahren kriege ich jeden Winter die Krise, weil die negativen Eigenschaften dieses Hauses zum Vorschein kommen. Wenn Sturm ist, zieht der Wind jede Wärme spürbar nach oben weg. Wenn es stark regnet, muss ich an mehreren Stellen im Haus Töpfe aufstellen. Jeden Abend gehe ich in die Badewanne, damit ich nachts einschlafen kann ohne zu frieren. Während ich das schreibe, habe ich eine Decke um mich gewickelt. Wir haben einen ganzen Haufen davon. Trotzdem sind meine Finger-, Fuß- und Nasenspitzen eisig. Seit achtzehn Jahren. Jeden Winter.
Und dann kommt die Adventszeit. Mit ihrem Licht und ihrer Hoffnung und Jesu Geburtstag. Wir machen es uns schön muckelig mit Lichterketten und Kerzen und gebackenen Waffeln und Tannengrün. Doch dieses Jahr ist die Luft raus. Das Haus für die Adventszeit zu dekorieren, war für mich ein Kraftakt. Ich hatte Blockaden im Rücken, mir war übel und ich hatte Kopfschmerzen. Alles in mir hat sich dagegen gewehrt. Ich wollte einfach nicht. Wenn Lütte Locke nicht wäre, hätte ich dieses Jahr Weihnachten ausfallen lassen. Weil ich dieses Haus, so wie es jetzt ist, nicht mehr aufhübschen will. Weil es reicht.
Die Lütte Locke hingegen ist im Adventsrausch. Hüpft morgens schlaftrudelnd aus dem Bett und klettert mit halb geschlossenen Augen die Treppe herunter, um die Säckchen ihres Adventskalenders zu öffnen. Zündet jeden Tag andächtig die Kerze vom Adventskranz an. Bastelt und malt Weihnachtsdeko und Geschenke. Stundenlang. Singt Weihnachtslieder. In Endlosschleife. Schaut Weihnachtsfilme. Freut sich wie Bolle aufs Plätzchenbacken. Kinderglück pur. Und ich? Bin Greenwoman-Grinch.

Ich weiß es ja. Ich weiß, dass ich mich jetzt doch etwas freue über den Adventshauch in unserem Haus. Über das Schlendern über die Weihnachtsmärkte, das Beschenken meiner Freunde, auch wenn es nicht viel sein kann dieses Jahr. Ich weiß es ja, dass der Frühling und der Sommer wieder kommen. Und dieses Haus mit diesem Grundstück dann wieder ihre volle Schönheit entfalten. Doch bis dahin ist es noch weit. Und ich mag einfach nicht mehr.

Achtzehn Jahre Gebete um ein Wunder, achtzehn Jahre der Traum vom warmen Landhaus. Achtzehn Jahre frieren. Die Volljährigkeit ist erreicht. Der Traum darf jetzt ausziehen.

Es ist ja nicht so, dass es keine Perspektiven gebe. Sogar ganz Gute. Doch mein Leben ist bisher sooft geschlittert und zerborsten, dass ich vorsichtig bin. Ich weiß nicht, ob meine Pläne aufgehen. Doch ich bleibe dran. Denn klar will ich nächstes Jahr hier in diesem Haus Weihnachten feiern. Notfalls auch in einer Baustelle. Doch so, wie es jetzt ist, will ich es nicht mehr. Das ist mein Entschluss. Entweder wir schaffen es im nächsten Jahr tatsächlich, dieses Haus endlich zu sanieren – oder ich verkaufe es.
Bitte schickt mir aber jetzt nicht wieder ein „Es ist besser so“, „Löse dich endlich von diesem Traum“ oder „Wie viel willst du für dieses Haus haben?“ Denn ich werde weiterhin alles dafür tun, es nicht zu verkaufen. Weil auch das ein Kraftakt ist. Ein neues Zuhause zu finden, Lütte Locke das beizubringen, das Familiengericht davon zu überzeugen, und schlussendlich nach einer so langen Zeit mein Zuhause zu verlassen. Doch wenn es sein muss, ist das so. Der Entschluss steht: Kein neunzehntes Weihnachten mehr in diesem Haus in diesem Zustand.

Doch was immer auch passiert, etwas bleibt. Mit Lütte Locke und dem Wikinger fühlt es sich tatsächlich so an, wie ich mir das als Kind vorgestellt habe. Familie. Ich brauche sie nicht, um mich ganz zu fühlen. Das war und bin und werde ich im wahrsten Sinne Gott sei Dank immer in mir selbst. Doch mit ihnen habe ich ein Zuhause. Egal, wo ich bin. Ich kann es manchmal kaum glauben und es ist auch immer noch nicht leicht, nach all den Jahren darauf zu vertrauen, aber: Mit ihnen fühlt das Leben sich an wie wenn Puderzucker auf warme Waffeln rieselt. Und das bleibt mir. Auch wenn das Haus verschwinden sollte.
Und das Geburtstagskind. Das Weihnachtswunder. So abgedroschen es auch ist. Ich liebe Weihnachten im Grunde meines Herzens immer noch. Auch deshalb habe ich diese Entscheidung getroffen. Weil ich dieses Fest wieder wirklich feiern möchte. Jesu Geburtstag. Das Lichterfest. Die Hoffnung. Auch wenn sie noch so klein ist, so winzig wie ein runzeliger Babypopo im vollgefurzten Stroh in einer zugigen Bretterbude. Daran halte ich mich fest. Und vielleicht, möglicherweise, hat Gott ja doch noch etwas Gnade für mich übrig und lässt es uns erleben, dass wir nächstes Jahr in diesem Haus feiern können. Im Warmen.
Was ich auf jeden Fall tun möchte, egal ob saniert oder verkauft: Das Parkett rausreißen, das Markus damals im wahrsten Sinne den Arsch aufgerissen hat. Womit alles angefangen hat. Denn ich wünsche mir einen neuen Boden unter den Füßen. Eine neue Grundlage. Am liebsten eine warme. Ich kann es eben doch nicht sein lassen, das Hoffen. Ich bin und bleibe eine Greenwoman. Auch wenn ich grummele und mit mimimi einen auf Grinch mache: Ich will keine tote Adventzeit mehr. Ich will sie wiederhaben. Ich will sie zurück! Meine Liebe für Weihnachten.