Mein Mann ist gestorben, als ich gemeinsam mit meiner Tochter, meiner Tante und meinem Onkel im Urlaub auf Kreta war. Meine Tochter war damals zweieinhalb Jahre alt. Es war der 18.09.2006.

Eigentlich wollten mein Mann und ich zusammen nach Kreta fliegen, um unserer Beziehung noch eine Chance zu geben. Angeblich hat er kurzfristig eine Urlaubssperre bekommen. Also hat er mich alleine weggeschickt.
Wir haben jeden Abend telefoniert. An diesem Abend haben wir gestritten, weil er unsere Tochter am Telefon zum Weinen gebracht hat. Er meinte, er hat ihr die Wahrheit gesagt. Was das heißt, weiß ich leider nicht. Sie war zu klein, um es mir zu erzählen.

Die Zeit bis zu seinem Tod war ein einziges Auf und Ab. An Weihnachten 2005 hat er sich von mir getrennt, weil er „keine Lust auf dieses Familiending“ hatte. Danach waren wir wieder zusammen, dann wieder getrennt.

Er war ständig unterwegs, hat viel getrunken und man konnte sich nicht mehr auf ihn verlassen. Einmal hat er unsere Tochter im Garten allein gelassen. Sie wäre fast im Planschbecken ertrunken. Unser Hund hat sie am Kleid rausgezogen und sie hat sich an ihm festgeklammert. Ich fuhr gerade mit dem Auto auf den Hof, als es passiert ist. Sie hat unseren Hund dann die ganz Zeit umarmt und wie verrückt gehustet und geweint.

Einen Monat vor dem Tod meines Mannes, am 15. August, hat er seinen Geburtstag gefeiert. Auch das sollte eigentlich ein Neuanfang für uns werden, aber in der Nacht hat er dann versucht, meine Freundin abzuschleppen.

Es war eine schlimme Zeit. Ich habe kaum geschlafen. Mein Mann war ein ganz anderer Mensch geworden.

Als ich mich in ihn verliebt habe, hatte er eine ganz tolle Art. Wir haben am Anfang nur telefoniert und wir hatten die gleichen Vorstellungen vom Leben. Wir wollten heiraten, ein Haus und Kinder. Und einen Hund. Er fuhr Motorrad und das hat mir imponiert. Es hat einfach gepasst.

Geändert hat er sich während meiner Schwangerschaft. Er bekam Ängste. Er dachte, er kann unserer Tochter nicht gerecht werden, und er meinte er wäre dumm. Je größer sie wurde, desto mehr hatte er Angst, mit ihr geistig nicht mithalten zu können.
Er hat sich zurückgezogen und von anderen Frauen Bestätigung gesucht. Weil ich zugenommen habe, hat er mich als „Berta, die Kuh“ bezeichnet. Obwohl ich meine Figur schnell wieder bekam, blieb ich Berta. Ich habe trotzdem immer wieder einen Neuanfang gewagt, weil ich immer an das Gute glaube. Mein Glas ist immer halb voll.

Mein Mann war das Gegenteil. Ich wusste, dass er Depressionen hatte. Als Jugendlicher hat er Drogen genommen. Außer einer Schwester, die sich unregelmäßig gemeldet hat, hatte er keine Familie. Im Nachhinein gab es Anzeichen für den Suizid, die ich aber damals nicht erkannt habe. Eine Diagnose bekam ich erst nach seinem Tod. Er wurde als manisch depressiv eingestuft.

Nur meine Mutter hatte eine besondere Beziehung zu ihm. Sie hat ihn als Sohn gesehen. Sie war neben mir die einzige, die gesehen hat, wie er leidet und wie er mit seinen Gefühlen gekämpft hat. Sie hat ihn dann auch gefunden. Zusammen mit meinem Vater und unseren Nachbarn. Er hat sich in unserer Garage erhängt. Ich habe es erst im Auto auf der Fahrt aus dem Urlaub nach Hause erfahren.

Doch schon als ich ins Auto stieg, wusste ich es irgendwie.

Einen Abschiedsbrief hat er nicht hinterlassen. Nur meiner Mutter hat er eine SMS geschrieben und sich verabschiedet. Er hat sich bei ihr entschuldigt, sie im Alter nicht pflegen zu können und sie verlassen zu müssen. Er kann nicht mehr und müsste gehen.

Mir hat er nur Chaos hinterlassen. Er hat allen Freunden erzählt, ich hätte ihn wegen eines anderen Mannes verlassen und wäre mit diesem Mann auch im Urlaub gewesen. Viele haben ihm geglaubt. Ganz schlimm waren die Besuche und all ihre Fragen. Ich bin kaum zur Ruhe gekommen.

Zusätzlich wurde das Haus von der Polizei durchsucht, mein Handy wurde mitgenommen. Dann hat noch jemand das Jugendamt eingeschaltet. Wir wurden drei Jahre lang „betreut.“ Ich musste über jeden Cent Rechenschaft ablegen. Der einzige Lichtblick waren meine Eltern, meine Tochter und mein Arbeitgeber. Ich bekam ein zinsloses Darlehen, bis das Geld von der Rentenkasse und der Lebensversicherung kam.

2007 wurde ich zur Kur geschickt, das war eine Auflage vom Jugendamt. Trauerbewältigungskur nannte es sich. Ich fühlte mich so fehl am Platz. Die Leute in der Gesprächsgruppe hatten ihren Mann oder Frau durch Krankheit oder einen Unfall verloren. Meine Wut und meine Gefühle hat niemand verstanden. Ich wurde ausgegrenzt. Ich habe diese Kur dann abgebrochen, als meine Tochter krank wurde.

Bis heute habe ich Probleme, zum Friedhof zu gehen. Nach all den Jahren bin ich immer noch wütend, weil er uns im Stich gelassen hat. Dann ziehe ich mich zurück und weine. Manchmal gehe ich auch allein spazieren.

Heute habe ich einen neuen Partner, aber es hat gedauert, bis ich vertrauen konnte. Wir haben zusammen daran gearbeitet. Er wurde von seiner Freundin verlassen, kurz nachdem mein Mann gestorben ist. Wir haben uns gegenseitig Mut gemacht. Er kannte meine Geschichte und wir haben viel geredet. Meine Tochter und er haben sich auch super verstanden. Das war mir wichtig. Aber es hat sehr lange gedauert, bis ich mich fallen lassen konnte.

Kinder habe ich keine weiteren. Ich brauche all meine Kraft für mich und meine Tochter. Gesundheitlich haut es mich ab und zu mal um. Ich bin schneller überlastet und ausgebrannt, aber bisher bin ich immer wieder aufgestanden.

Meine Tochter hat meine Mama mal gefragt, wo ihre tote Mama ist, und meine Mutter meinte, sie ist jetzt ein Engel, der von oben auf uns aufpasst. Als wir damals in den Urlaub nach Kreta geflogen sind, hat sie aus dem Fenster geschaut und die Engel gesucht. Ich habe ihr gesagt, sie verstecken sich in den Wolken. Das habe ich für ihren Papa übernommen, weil sie das gut fand und mit dem Gedanken, dass Papa auf sie aufpasst, gut zurechtkam.

Immer wenn der Himmel sich in tollen Farben zeigte, hat sie mir gesagt, dass ihr Papa und Omas Mama den Himmel angemalt haben. So habe ich immer versucht, altersentsprechend ihre Fragen zu beantworten. Als sie dreizehn wurde, sich wir weggefahren und da habe ich ihr dann die ganze Geschichte erzählt.
Die Jugendberatung hat mir geraten, es ihr zu sagen, bevor sie es von jemandem anderen erfährt. Und das war gut, denn kurz danach hat ein ehemaliger Kollege meines Mannes es ihr beim Einkaufen gesagt. Er meinte: „Deine Tochter ist ja normal, obwohl dein Mann sich umgebracht hat.“

Ich war froh, dass sie es schon wusste, und zwar von mir.

Später habe ich in einer Therapie viel verarbeiten können. Ich habe dadurch zum ersten Mal begriffen, dass ich nicht Schuld am Suizid meines Mannes bin. Dort hat man mir zum ersten Mal gesagt, dass ich viel durchgemacht habe und es toll gemeistert habe und meine Tochter sich toll entwickelt hat. Man hat mich bestärkt.
Heute weiß ich, dass ich zwar aus der Sicht meines Mannes der ausschlaggebende Grund war, aber ich nicht daran schuld bin. Er wollte mich bestrafen. Er hat im Streit immer gesagt: „Woher nimmst du die Kraft? Warum bist du so stark? Auch dich wird mal etwas brechen, vielleicht sogar ich!“ Ich dachte, er meint unsere Trennung, aber an Suizid hätte ich niemals gedacht.

Ich glaube, er hatte Angst vor meiner Kraft. Ich hatte gesundheitlich sehr zu kämpfen und es hat lange gedauert, bis ich schwanger wurde. Aber ich habe nie aufgegeben. Wenn ich ihm heute antworten könnte, warum ich so stark bin, dann würde ich ihm sagen, dass einer von uns stark sein muss. Wenn ich meine Tochter sehe, wie sie lacht und wie toll sie sich entwickelt hat, gibt mir das noch mehr Kraft. Gott hat mir dieses Leben geschenkt und dafür lohnt es sich zu kämpfen.