The base

Entgegen einiger Behauptungen: Mutig bin ich nicht immer. Und auch kein besonderes Vorbild in Sachen Glauben. Echt nicht. In letzter Zeit habe ich wenig über Gott geschrieben. Nicht weil mir das nicht mehr wichtig wäre. Sondern weil es für mich normal ist. Weil er so sehr ein fester Bestandteil meines Lebens ist, dass ich meine, ihn nicht weiter erklären zu müssen. Weil ich Gott nicht beweisen muss. Weil er das ganz gut selber kann. Aber. Mal wieder dieses Aber:

Wer von euch länger in einer Beziehung lebt, weiß, dass sich irgendwann dieser Schlendrian einschleicht. Ich wurde ja auch schon so bezeichnet. Nicole Schlendrian. Mein Nachname Schenderlein, den ich immer noch trage nach Markus´ Suizid, bietet eine wahre Fundgrube an Buchstabenversalatungen. Wie habe ich nicht schon geheißen? Schinderlein. Schneiderlein. Schleuderlein. Schlendrian. Und schwupps, habt ihr es gemerkt?, bin ich bei einem ganz anderen Thema.

Genau so wird man abgelenkt vom Eigentlichen. Auch in Beziehungen. Da schlendert die Arbeit vorbei, das Kind oder die Kinder, das nächste Projekt, Freunde, die Hilfe brauchen, und irgendwann noch man selbst mit seinen eigenen Bedürfnissen. Fast wie selbstverständlich lebt irgendwann dieser Mensch, dein Partner, mit und neben dir und diesen Schlendrianen her. Bis er vielleicht irgendwann nicht mehr da ist, dein Partner.

Habe ich erlebt. Nach Markus´ Suizid. Will ich nicht mehr erleben. Und versuche seitdem in meinen Beziehungen das Kostbare zu leben. Nicht nur zu meinem Partner, auch zu meinem Kind und meinen Freunden. Mir den Wert des anderen bewusst zu machen. Und die wenige Zeit zu genießen. Klappt natürlich nicht immer, aber diese Sichtweise versuche ich nicht zu verlieren. Weniger Schlendrian, mehr Liebe.

Und jetzt also Gott. The base. Der Grund, der nie gewankt hat, wenn alles andere weggebrochen ist. Wie ist das mit ihm und dem Schlendrian?


Ende letzten Jahres habe ich folgenden Text geschrieben, mich aber nicht getraut, ihn zu veröffentlichen. Soviel zu der Behauptung anderer, ich sei mutig. Bin ich vielleicht in manchen Bereichen. In anderen aber nicht: 


Es gibt ernsthaft Leute, die sagen, dass sie meinen Glauben bewundern. Ich kann das nicht ganz ernst nehmen, denn ich habe nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen – oder wie es in meinem Konfirmationsspruch heißt: Friede, Freude, Gerechtigkeit mit Gott.

Jetzt zum Beispiel. Da fühle ich wenig Frieden und Freude. Da fühle ich eher Ungerechtigkeit. Wegen den Mäusen.

Die Mäuse selbst können eigentlich gar nichts dafür, die folgen nur ihren Instinkten. Sie hatten einen heißen Sommer mit mehr Nachwuchs als sonst, und jetzt suchen sie ein Quartier zum Überwintern. 

Wie praktisch, dass bei Lütte Lockes Landhuus seit ein paar Wochen das Dach offen ist: Da kann man herrlich einziehen als Mäusefamilie. Da ist es schön warm und es gibt immer was zu futtern.

Nun wohnt mindestens je eine Familie im Gästezimmer beim Vogelfutter, eine im Wohnzimmer unter dem Kamin direkt neben dem Hundenapf, und eine in der Küche hinter dem Kühlschrank. 

Überhaupt dieser kack Kühlschrank. Der lebt hier schon länger als ich. Wir haben ihn damals von den Vorbesitzern übernommen. Und er nervt mich seit Jahren. Weil er nicht mehr richtig kühlt, nicht mehr richtig schließt, und ab und zu röchelnd Styropor unten raus pustet. 

Ich hatte gedacht, dass ich ihn jetzt endlich loswerden würde. Dass wir uns einen neuen kaufen würden, zu Weihnachten, wenn wir vorübergehend ins Vorderhaus umziehen würden. Aber nee. Zu viel würde. Wir ziehen noch nicht um. Und wenn es soweit ist, muss er nochmal mit. Dieses Miststück von einem Kühlgerät. Weil wir sparen müssen. Kack Teil, das Blöde. Echt. 

Merkt man, dass ich angepisst bin? Ich sage auch warum: Wir kämpfen jetzt seit Wochen gegen die Mäuse. Wir haben in allen Räumen Fallen aufgestellt. Mehrere. Unsere Lebensmittel und unser Besteck sind in Tupperware verpackt. (Ja, dafür ist Plastik echt ein Segen – sagt ausgerechnet die Ökotante, die am liebsten im Unverpacktladen einkaufen und alles in Wachstücher einwickeln würde.)

Im restlichen Haus, das unbewohnt ist, liegt Gift aus. Und langsam schleichen sich wieder diese fetten Schmeißfliegen ein, die verdeutlichen, dass das Gift wirkt. Der Tod ist eingezogen. Teilweise. Trotzdem sauge ich jeden Tag Mäuseköttel ein und wische Mäusepisse von Schränken. 

Blöderweise scheint jetzt auch eine Mäuse-Familie im OG eingezogen zu sein, in einen Raum, wo wir gerade alles lagern, was eigentlich auf den Dachboden gehört und vor Mäusen geschützt werden sollte. Sogar das Katzenklo darin schreckt sie nicht ab.

Sie gehen neuerdings so weit und fressen die Stofftiere der Lütten Locke an. Letztens musste ein Einhorn deshalb am Fuß verarztet werden. (Okay, über den Geschmack der Mäuse sollten wir nochmal reden.) 

Spätestens wenn es um mein Kind geht, hört der Spaß aber auf. Am liebsten würde ich mir eine Bazooka umschnallen und sie alle wegballern. 

Die Mäuse. Nicht die Einhörner. Ausnahmsweise nicht die Einhörner.

Ich habe länger überlegt, ob ich das überhaupt schreiben soll. Denn meine Freundinnen kriegen allein schon von der Vorstellung von Mäusen ein inneres Kreischbedürfnis. Vermutlich kommt uns jetzt niemand mehr besuchen. Kann ich verstehen, ich würde auch am liebsten ausziehen. Geht aber nicht. 

In solchen Momenten frage ich mich, ob Gott mich vergessen hat. Ja, das frage ausgerechnet ich, die über zwanzig Jahre mit einem querschnittsgelähmten Mann zusammen gelebt hat. Die Schulden überlebt hat, Todesfälle, Suizid. Die Burnout und Panikattacken und in diesem Sommer einen gebrochenen Fuß hinter sich hat. Weil diese Mäuse die Tropfen sind, die das Fass zum Überlaufen bringen:

Während ich das schreibe, holt sich doch tatsächlich eine Maus kackendreist mitten in der Nacht ein Stück Hundefutter aus dem Napf, während meine siebzehnjährige Katze entspannt auf meinem Schoß schläft. Sie kann leider nicht mehr jagen. Also müssen wir weiter aushalten. 

Ich komme mit vielem zurecht. Mit Bauverzögerungen, Sturm, dass es rein regnet, dass es teurer wird. Sogar mit dem doofen Gerippe von einem Kühlschrank. Aber irgendwann ist mal Schluss.

Irgendwann möchte ich auch mal Erbarmen. Irgendwann möchte ich auch mal ein wundersames Eingreifen Gottes in meinem Leben spüren. Nur ein Fitzelchen Gnade. Mir würde schon ein Millimeter göttlicher Goldglitzer reichen. Senfkorn eben.

Ja, ich glaube noch an Gott. Ich liebe ihn auch noch. Meistens fühle ich mich auch von ihm geliebt. Denn im Gegensatz zu Menschen geht er nicht weg. Gott bleibt konstant. The base. The rock. 

Aber wenn er weiterhin so passiv bleibt, dann frage ich mich, warum ich eigentlich noch mit ihm rede. Was soll ich mit Freunden, die mir zwar zuhören, aber nicht antworten? Die mein Gejammer zwar aushalten, aber nicht mit mir nach Lösungen suchen? Die mich zwar verstehen, mir aber nicht ihre Hilfe anbieten? 

Mag sein, dass Jesus was im Petto hat, wovon ich noch keine Ahnung habe. War bisher immer so. Oder im Rückblick betrachtet. Aber zurzeit, jetzt in diesem Moment, fühle ich mich im Stich gelassen. Mit all diesen verdauungsstarken Mäusen. Wäre schön, wenn sie nur ein Symbol für finanzielle Mäuse in der Zukunft sind. In der Realität sind sie eher eine biblische Plage.

Und ich frage mich auch: Wie soll man so einen Post eigentlich bebildern? Mit einem Foto von dem Haufen Mäuseköttel, den man unter einem Brotkorb finden kann? Wer will sowas bei Instagram sehen? Oder mit der schlafenden Katze? Katzen gehen immer, oder?

Genauso wie mit unserer Seniorenkatze fühlt sich das nämlich an: Als wäre Gott alt geworden. Und taub. Keine Kraft mehr fürs Jagen. Keine Lust mehr auf einmal eingreifen und zack! – hat sich das Problem erledigt. Wer will sich im hohen Alter noch mit Fasanen messen? Geschweige denn mit Mäusen? Lieber schnell zurück ins Warme und weiter schlafen. Gott scheint im Ruhestand zu sein. 

So. Und jetzt dürft ihr meinen Glauben weiter bewundern. 

Ps: Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme. Aber sie ist real. Sie gehört zum Glauben dazu. Das Meckern, das Schimpfen, das Verzweifeln. Gott kann das ab. Gott sei Dank. Er hat ein dickeres Fell als ich. Und als die Mäuse. 

So. Und jetzt nehme ich diesem penetranten Nager den Hundenapf weg. Die Maus muss sich daran gewöhnen, dass sie bald nichts mehr zu essen hat. Denn wenn wir mitten im Winter umziehen, müssen sie auch alle raus. Und dieses Mal kommen sie nicht mit. Möge der Herr ihnen gnädig sein.


Warum habe ich diesen Text nicht veröffentlicht Ende letzten Jahres? Weil ich es geahnt habe. Dass es stimmt, dass Gott was im Petto hat. Denn der Mäusemist ist kein Bestandteil mehr meines Lebens. Einfach so weg. Weil das Dach jetzt dicht ist. Weil das Haus gedämmt ist. Plötzlich ist es warm hier. Und riecht nicht mehr (außer nach uns selbst). Ein neuer Kühlschrank ist eingezogen. Und Mäuse sehe ich nur noch ab und zu draußen im Garten umher flitzen zwischen dem Baustellenmüll. Scheint so, als wäre Gott nicht nur mir, sondern auch ihnen gnädig.  

Ist Gott also im Ruhestand? Scheint eher so, dass er trotz Kurzarbeit weitermacht. Wusste ich instinktiv, im Leben zwischen Mäusepipi und angefressenen Einhörnern. Aber darauf vertrauen ist so eine Sache. Denn wir haben keine Garantie auf göttlichen Gnadeglitzer. Und auch wenn ich den jetzt tatsächlich erlebe – im Gewand eines mäusekackenfreien Hauses – kommt es darauf auch gar nicht an, beim Glauben.

Ich lebe mit einem Atheisten zusammen und wir lieben uns trotzdem oder gerade deswegen. Weil wir uns ergänzen. Klar kann es sein, dass ich mich irre. Dass es keinen Gott gibt. Doch meine Erfahrung zeigt mir, dass ein Leben mit Gott für mich leichter ist.

Weil Gott das Fundament ist, das mich aushält. Mich feige, missmutige, müffelige, mäusekackenhassende Kreatur. Gott hält es aus, dass ich an ihm zweifle. Dass ich meckere. Dass ich Angst habe. Dass ich mich selbst nicht leiden kann. Dass ich manchmal irre werde an dieser Welt.

Kommt dir das bekannt vor? Ich wette, so fühlt sich gerade die halbe Menschheit. Hineingeschmissen in eine vollgekackte Corona-Situation. In der man macht, was man kann. In der es aber trotzdem oft nicht reicht. In der es manchmal weiter nach Ammoniak stinkt. Und da soll man noch an einen Gott glauben?

Gesollt werden muss gar nix. Weil der Gott, den ich kenne, nur Freiwillige nimmt. Denn wer will schon aus Zwang geliebt werden? Ich jedenfalls nicht. Die Großzügigkeit der Liebe Gottes ist aber im Gegenzug das, was ich so absolut cool finde. Dass er liebt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Und dass er vor allem weiß, wie sich Elend anfühlt. Der Jesus am Kreuz, der kennt ein Leben in Mäusepisse. Deshalb kann ich ihm das zumuten.

Dass ein Leben mit Gott einfacher wäre, davon war nie die Rede.

Auch wenn einige Prediger und Heilsbringer das behaupten. Ich entgegne: What the hell? Das wird Gott nicht gerecht. Ein Leben mit Gott lohnt sich, weil er versteht und das aushält und trotzdem liebt. Nicht mehr und nicht weniger.

Und ich finde, das ist echt verdammt viel. Viel mehr, als ein (Ehe)partner aushalten kann und muss. Gott sei Dank. Denn wie man sieht, bin ich kein gutes Gegenüber für Gott. Eben nur der typische durchschnittliche Mensch, der untergeht, wenn Jesus sagt, dass du auf dem Wasser laufen kannst. Und das nach achtundundzwanzig Jahren mit ihm.

Ob das jetzt ein Schlendrian in unserer Beziehung ist? Mag sein. Aber wisst ihr was? Es ist ein guter Schlendrian. Ich fühle mich sicher und geborgen bei Gott. Genau so. Unaufgeregt und gehalten in meiner Unperfektheit. Ich finde das einfach herrlich. Und das ist für mich fast mehr ein Wunder als ein Lottogewinn. Weil wir zusammen durch Leben schlendern. Durch Todesfälle, Schulden, eine Pandemie. Mit und ohne Mäusekacke. Weil er und ich immer noch da sind. The base und ich, die wütende Witwe.

Schön das. Echt.   

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