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#Welcomefear
Wie man Krisen überl(i)ebt, Teil 6

Das Lebensblatt nach einem Suizid zu wenden, ist wie eine Hausentkernung und Girschrisotto.
Super Headline, oder?
Habe ich aber letztens gedacht, als die Lütte Locke mit einem Haufen Wildkräuter aus dem Garten kam. Darunter eine Ladung Girsch.

Boah, was habe ich das Zeug gehasst, früher. Ich habe Stunden damit verbracht, es aus den Beeten zu hacken. Nachts hatte ich Träume von Girschwurzeln und morgens bin ich mit Erde in der Nase aufgewacht. Ich gestehe, ich olle Ökotante habe es sogar mal mit Gift versucht. Zwei Jahre später war wieder alles wie vorher.
Im Nachhinein betrachtet, war mein Leben eine lange Zeit genauso überwuchert wie meine Beete vom Girsch. Doch jetzt kämpfe ich nicht mehr dagegen. Ich akzeptiere es. Und ich nutze es. Zum Beispiel für Girschrisotto. Schmeckt wie Spinat mit Minze. Was für eine Kombi!

Mit meinem Leben ist es ähnlich: Ich kämpfe nicht dagegen, dass ich eine Suizidhinterbliebene bin. Ich akzeptiere es. Und nutze diesen Erfahrungswert, um andere dabei zu unterstützen. Aber nicht nur. Ich wachse darüber hinaus. Schließlich bin ich mehr als nur eine wütende Witwe.

Das ist wie bei der Haussanierung: Die Sanierung war nötig, um das Haus zu retten. Das ist nicht immer schön. Da kommt eine Menge Schmutz und Dreck zutage. Unser Garten sieht zurzeit aus, als hätte das Haus sich schwallartig nach hinten ausgekotzt.
Aber es gibt auch Entdeckungen. Wie diese Balken, an denen die Lütte Locke jetzt Wurst vom Landmetzger und Wildkräuter zum Trocknen aufhängt. Diese Balken lagen verborgen unter einer abgedeckten Strohdecke. Jetzt sind sie wieder sichtbar und werden genutzt – nach Jahrzehnten!

Der Lebensabriss nach einem Suizid ist ein einziger Trümmerhaufen. Aber er bietet Potenzial. Ich weiß, dass jetzt vielleicht viele kotzen möchten, weil dieser Satz in der Corona-Krise schon sooft gedroschen wurde: Dass in jeder Krise eine Chance steckt.
Wenn man mitten im Trümmerhaufen steht, ist so ein Satz auch total fürn Arsch. Weil er in diesem Moment nicht hilft. Weil wir uns dann so fühlen wie eine kleine hilflose Schnecke. In diesem Moment braucht man Freunde, Unterstützung, Trost und Perspektiven. Trotzdem ist dieser Satz wahr. Für danach. Denn was immer ihr mit dem Trümmerhaufen macht – es wird etwas entstehen.

Irgendwann nach einem Lebensumbruch entscheiden wir: Was wollen wir behalten? Und was kommt weg?
Und was war vielleicht die ganze Zeit da und wurde nie benutzt? Wie die Balken in unserem Haus. Oder was kann anders genutzt werden? Wie der Girsch in unserem Garten.
Wenn du irgendwann in deinem Leben soweit bist, kannst du ja überlegen:

  • Was könnte die Balken in deinem Lebenshaus sein?
  • Was gibt es in deinem Leben, was verschütt gegangen ist?
  • Was könntest du neu entdecken?

Und in der Zwischenzeit lasst uns gut zueinander sein und uns was Gutes gönnen. Ne luftgetrocknete Wurst zum Beispiel. Oder Brennnesseltee. Hauptsache Soulfood. Hauptsache Soul. Die lassen wir uns nicht nehmen. Niemals!

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