„Für ihn war immer nur alles schwarz oder weiß“

Ein Gastbeitrag von Christa über den Suizid ihres Sohnes Sascha:

Unser Sohn war ein fröhliches Kind, aber auch sehr sensibel. Damals kannten wir das Wort und die Persönlichkeitsstruktur „hochsensibel“ leider noch nicht.

Er hatte vor allem Neuen Angst, brauchte ewig, um Kontakt aufzubauen, war am liebsten nur mit Papa Fußball spielen und wollte selbst als Teenager unbedingt zu Hause sein an seinem Geburtstag. Rituale und Familie waren ihm wichtig. Unser Umzug in unser eigenes Haus – obwohl gut vorbereitet – war für ihn eine Katastrophe.

Ab da fingen auch seine Schulprobleme an. Er war intelligent, aber er streikte. Er wechselte in eine christliche Schule, wiederholte ein Schuljahr. Immer wollte er sich anstrengen, es anders machen – aber immer wieder scheiterte er nach kurzer Zeit.

Dabei hatte er Kontakte, konnte durchaus Quatsch machen, sich amüsieren, lachen. Aber seine Stimmung kippte dann auch schnell wieder und er schloss alle aus. Immer schwarz oder weiß. Zuerst war er oft Feuer und Flamme und dann kam eine Enttäuschung und alles war nur noch schlecht.

Er stand sich selbst im Weg, er wollte perfekt sein. Schon als kleines Kind saß er am Heizkörper und spielte darauf „Klavier“. Meine Küchenreibe war seine Gitarre, zu der er lautstark sang. Musikalische Früherziehung liebte er. Er hatte Unterricht am Keyboard, übte nicht, und konnte es trotzdem. Irgendwann entdeckte er die E-Gitarre und fand einen Lehrer, der genauso fanatisch war wie er.

Von da an übte Sascha Stunden um Stunden. Sein Traum war geboren. Er wollte Musik studieren. Noten von der Schule waren da nicht so wichtig, musikalisches Talent zählte, erklärte er uns, und dementsprechend waren seine Schulnoten. Nur mit ach und Krach schaffte er seinen Abschluss in der Realschule. Es war ihm egal – denn er wollte ja nur Musik studieren an der privaten Uni.

Dafür übte er Stunden um Stunden und Tag um Tag. Er hatte einen Freund, mit dem er viel spielte, fand weitere, träumte von einer Musikkarriere, bewarb sich auf das Studium in der privaten Uni in Freiburg, brachte sich alleine die erforderlichen Kenntnisse für die Gehörprüfung bei – und bestand! Im ersten Durchgang!

Voller Enthusiasmus begann er sein Studium – und brach es nach knapp vier Monaten ab.

Wir erfuhren nie genau, warum. Aber nach seiner Aussage war diese Schule nicht so gut, wie er dachte.

Sascha fing an Texte zu schreiben und zu komponieren. in dieser Zeit entstanden viele Lieder, ein ganzer Ordner voll.

Er liebte Gott, war sehr evangelistisch geprägt, träumte davon, Menschen mit seiner Musik zu Gott zu führen. Aber nie war seine Musik für ihn gut genug; nie traute er sich, damit herauszugehen. „Ich muss erst besser werden! Wenn ich teurere Instrumente habe – die hier sind nicht gut genug!“

Musik war Saschas Sauerstoff zum leben, seine Verbindung zu Gott. Doch irgendwann war er am Ende. Er stellte die Gitarre und seine Lebensträume zur Seite, er gab auf.

Das war der Anfang vom Ende.

Am 9.5., an Himmelfahrt und Vatertag, fuhr Sascha mit unserem kleinen Auto gegen einen Baum und starb.

Er hinterließ einen Abschiedsbrief an uns Eltern, seine Schwestern, seine heißgeliebte Freundin und seine erste Freundin, mit welcher ihn immer noch eine tiefe Freundschaft verband.

Er wolle heim zu Gott, sein Herz war verblutet. Er wolle endlich wieder er selbst sein und lachen können und das könne er nur bei Gott im Himmel.

Damit begann für uns die Zeit danach. Meine Auseinandersetzung mit Gott dauerte lange. Warum Gott hast du das zugelassen? Ich hatte voll(!) vertraut, dass Gott auf Sascha aufpasst. Und dann lässt er ihn zu sich heimkommen.

Aber: War er überhaupt heimgekommen? Immerhin war das doch Suizid? Diese Frage beschäftigte uns auch lange Zeit.

Da gibt es dieses Lied: „Egal, was du uns gibst, egal, was du uns nimmst, du bist und bleibst mein Gott.“ Das „egal“ habe ich nie gesungen. Denn es war mir nie egal. Und ich fragte mich: Ist und bleibt er mein Gott? Trotzdem? Immer noch?

Es war eine lange Entscheidung. Ich war zwar nie weg von Gott, aber ich habe sehr gerungen mit der Frage: Warum hast du das zugelassen? Gott hat uns Sascha durch ein Wunder geschenkt – aber ließ ihn nur bei uns bleiben, bis er vierundzwanzig war. Wie passt das bitte zusammen?

Doch wohin sollten wir gehen, wenn nicht zu Gott? Gott ist trotz allem für mich „Ich bin, der ich bin, Gott.“ Nicht immer verständlich, nicht immer greifbar und fühlbar, aber rückblickend weiß ich: Er WAR DA BEI MIR – auch wenn ich es nicht fühlte. Er hatte alle Geduld und Zeit der Welt, auf mich zu warten. Alle Zeit der Welt, die ich brauchte. Er wartete geduldig und mit Liebe.

Ja, ich kann wieder vertrauen. Aber es ist ein anderes Vertrauen. Nicht das „Es wird auf jeden Fall alles gut; Gott regelt das schon.“ Sondern ein „Gott hat es in der Hand – und er hält mich in der Hand!“ Er sieht weiter als ich und deswegen vertraue ich ihm. Und er hält mich, selbst wenn ich ihn nicht halte. Er hält mich fest, ganz fest!

Ich habe inzwischen eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin gemacht und versuche Angehörigen von Suizid oder verwaisten Eltern ehrenamtlich zu helfen, in Gruppen und einer Selbsthilfegruppe. Ich nenne dies: „Rote Rosen im Dezember für Sascha.“

Denn ich versuche Sinn im Sinnlosen finden.

Außerdem gibt es einen Kanal bei Youtube, wo einige von Saschas Liedern zu hören sind: https://www.youtube.com/channel/UCYL-gO7PnqXLZfJAOEXDK8A Sie sind nicht perfekt spiegeln aber ihn und sein Herz wieder. Denn von den Liedern aus seinen letzten Jahren sind leider nur noch ganz wenige zu finden, die hat er aus Frust gelöscht. Aber das ist in Ordnung. Weil Sascha für uns nie perfekt sein musste. Für uns und für Gott war er das immer.

Zwei Jahre nach seinem Tod habe ich dieses Gedicht von ihm in meinen E-Mails gefunden. Er hatte es nach einem eigenen Verlust geschrieben. Heute steht es auf der Rückseite eines Flyers für Angehörige nach Suizid, den ich mit einem Notfallseelsorger entworfen. Die Polizei und Notfallseelsorger können ihn bei der ersten Begegnung nach einem Suizid an die Angehörigen weitergeben:

Wer lieben will, der muss verstehen zu weinen,

denn nur, wenn man versteht zu weinen und zu trauern, versteht man zu leben.

Lieben heißt lernen loszulassen, freizugeben und zu wissen,

dass egal, wo der andere sich befindet, man immer ganz nah bei ihm ist – in seinem Herzen.

Und auch der Tod kann diese Brücke nicht zerschlagen.

Denn die Liebe ist weit größer als dieser!

Und wenn man begreift, dass jeder früher oder später diese Brücke passiert,

ist es kein Abschied auf ewig, sondern nur ein „bis bald“

Denn alles, was empfindet und fühlt und somit fähig ist zu lieben, kann nie verloren gehen.

Durch den physischen Tod ist man nicht getrennt.

Denn jeder trägt ein Stück vom Herzen des anderen in seinem Herzen.

Und irgendwann kommt der Tag, an dem man da anknüpft,

wo man zuletzt aufgehört hat.

Wo man wieder zusammen lacht, als hätte es nie eine Pause gegeben.

Und genau deswegen muss ich nicht nur trauern und weinen,

sondern kann mich freuen

über die gemeinsame Zeit, welche hinter uns liegt, aber auch vor uns liegt!

Sascha Oliver Keip, 2011 (23 Jahre)

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