Mutig das Herz entblößen

Wie Empathie die Welt verändern kann

Wasser überall. Und Wasser nirgendwo. Wasser überall ist der Alltag der Flüchtlinge im Camp Moria. Das es immer noch gibt. Oder wieder. Nachdem es abgebrannt war. Dieses Mal aber direkt am Meer. Das regelmäßig über die Ufer tritt. Besonders jetzt im Winter.

Was zur Folge hat, dass viele Menschen – darunter hauptsächlich Kinder und junge Erwachsene – quasi im Schlamm schlafen und frieren. Jeden einzelnen Tag. Vergessen vom Rest der Welt, der gegen eine Pandemie kämpft.

Ich bin Autorin und neuerdings Bildhauerin. In meiner Kunst und meinen Texten geht es hauptsächlich um die Themen Trauer und Neubeginn. Weil ich es selbst erlebt habe. Vor vier Jahren beging mein Mann Suizid und ließ mich und meine damals dreijährige Tochter mit einem Schuldenberg zurück. Ich habe drei Jahre gebraucht, um diesen Berg zu bewältigen und endlich unser Haus zu sanieren. Während der Pandemie haben wir auf einer Baustelle gewohnt. Wohnen wir noch immer.

Einige Menschen würden sich jetzt hauptsächlich darauf konzentrieren. Möglichst schnell die Sanierung hinter sich bringen. Möglichst schnell Geld rein holen, um gut durch die Pandemie zu kommen. Ich nicht. Zumindest nicht so.

Weil ich ohne Barmherzigkeit nicht mehr in meinem Haus leben würde. Weil mir nach dem Suizid viele Menschen durch große und kleine Gesten unter die Arme gegriffen haben. Während andere getratscht und über meine Pläne gelächelt haben. Zu ihnen möchte ich ums Verrecken nicht gehören. Deshalb mache ich es anders.

Deshalb habe ich ein gemeinnütziges Projekt gegründet, das sich um andere Suizidhinterbliebene kümmert. Und um Menschen, die in ähnliche Umbruchsituationen geraten. Deshalb habe ich unser Haus so saniert, dass darin Platz ist für Kreativzeiten für Hinterbliebene. Und zwar auf Spendenbasis.

Weil Menschen nach einem Suizid oft nichts mehr haben. Und andere brauchen.

Ähnlich wie die Menschen im Camp Moria. Wenn auch nicht ansatzweise vergleichbar. Deshalb habe ich ein Kunstprojekt gestaltet für die Menschen in Moria. Drei Skulpturen stehen zurzeit in einer Ausstellung bei meiner Hochschule. Es ist nicht viel. Aber es ist auch nicht nichts.

Das ist auch kein Heldentum, das ist menschlich. Oder sollte es sein. Weil ein Menschenleben genau darauf ausgerichtet ist. Das Erste, was wir von einem Baby im Mutterleib hören und sehen können, ist sein Herzschlag. Ohne unser Herz läuft nichts. Blut kommt rein, Blut kommt raus. L(i)eben kommt rein, L(i)eben kommt raus. Erbarmen kommt rein, Erbarmen kommt raus.

Vor einem Jahr hat mir eine Leserin eines Artikels einen Traum erfüllt. Ich war vom Suizidaufräumen nach drei Jahren am Ende und sie hat mich, meine Tochter und meinen neuen Partner kurzerhand zu sich nach Schweden eingeladen. Wir durften einfach so bei ihr Urlaub machen. Der erste Familienurlaub nach dem Suizid. Das hat mir Kraft gegeben. Zum Weitermachen. Dank ihrer Barmherzigkeit kann auch ich anderen gegenüber weiter barmherzig sein.

Heute ist sie eine Person mit zu wenig Wasser. Wegen der wenigen Regenfälle wird der Grundwasserspiegel immer geringer, sodass sie gegen Ende des Sommers in letzter Zeit kein Wasser mehr hat zum Duschen und Waschen. Sie und ihre zwei Kinder sparen jetzt auf einen neuen Brunnen. Zu gerne würde ich sie dabei unterstützen, aber da ich selbst auf Spendenbasis arbeite und auf einer Baustelle lebe, geht das zumindest dieses Jahr nicht.

Aber. Ich kann meine Begabungen einsetzen. Also habe ich sie gezeichnet. Als eine Frau, die über sich hinauswächst. Voller Lebensfreude. Weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir das immer wieder werden – aus dem Grauen heraus grünen. So wie Jesus uns das vorgelebt hat.

Barmherzigkeit. Eine Eigenschaft, die uns Gott mit in die Wiege gelegt hat. Wenn sie nicht im Laufe des Lebens zerbröselt. Gott sei Dank hat er aber auch noch jede Menge davon übrig. Endlos. Weil er selbst nackten Herzens ist.

Denn das bedeutet Barmherzigkeit: Sich selbst zu entblößen, sich ein Stückchen verletzlich zu machen. Es ist gewagt, aber so entsteht Nähe, Begegnung, Wärme.

Nicht umsonst hat Gott seinen eigenen Sohn, einen Teil von sich selbst, schutzlos als Baby in diese Welt gegeben. In unsere menschlich grobe Obhut. Er hat sich selbst dem Grauen der Welt ausgesetzt. Für uns. Und wir dürfen darauf zurückgreifen. Jeden Tag neu.

Besonders jetzt in dieser Zeit einer Pandemie kann Barmherzigkeit, eine Herzenshaltung des Erbarmens, den Unterschied machen. Nicht aus schlechtem Gewissen heraus, sondern als Ausdruck barer Liebe. Jeder einzelne von uns, der sein Herz für andere öffnet, kann die Welt verändern. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht um mich kümmere. Barmherzigkeit sollten wir auch immer mit uns selbst haben. Uns gut umsorgen. Damit wir genug Kraft haben, um nicht nur bei uns selbst zu bleiben.

Empathie ist aber das entscheidende Merkmal, wie sich unsere Welt in Zukunft entwickelt.

Auf dass es irgendwann für mehr Wasser in Schweden reicht. Und für ein warmes Zuhause für jeden Flüchtling dieser Welt. Denn Jesus war auch einer. Noch im Bauch seiner Mutter. Mit seinem winzigen erbärmlichen Herzschlag fing es an. Die große Barmherzigkeit Gottes. So und nicht anders möchte ich sein. Und bleiben. Und mehr werden.

Dieser Text ist in der Zeitschrift „Miteinander unterwegs“, Ausgabe 5/2020 erschienen. 

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